Nachdem ich nun mehrere Artikel und Meinungen lesen konnte, die uns das Ende einer florierenden Wirtschaft, das Ende des Kapitalismus und das Ende der globalen Wirtschaft erklärt haben, möchte ich in diesem Beitrag ein Werkzeug vorstellen, mit dem einige Volkswirte die Zukunft voraussagen möchten.

Gerade in Zeiten hoher politischer Unsicherheiten wie heutzutage (Trumpiditrump, Rechtspopulismus, AFD und Co) sind solche Indizes von vielen Strategen der großen Wirtschaftsinstitutionen ein gern genutztes Tool, um die Investments für die nächsten Monate zu planen.

Und weil alle über die Wirtschaftskrise reden, rede ich jetzt auch darüber.

Mir geht es heute darum: Gibt es diese Glaskugel? Und wenn ja, taugt sie was?

Leading Economic Index (LEI)

Genug mit dem Blabla. Kommen wir zur Sache.

Der LEI ist ein zusammengesetzter Index bestehend aus 10 ökonomischen Kennziffern. Und was uns nun interessiert: Er dient als Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes.

Das Ganze begann schon in den 1960er Jahren mit dem US Department of Commerce und wurde später von The Conference Board (TCB) fortgeführt. Am Anfang sollte der LEI nur für die amerikanische Volkswirtschaft berechnet werden. Nachdem das TCB dann aber zu einer privaten Non-Profit Organisation umfunktioniert wurde, wurden die Indizes auch für andere Länder berechnet.

Dazu gehört zum Beispiel auch Deutschland.

Der LEI soll also in der Lage sein zu sagen, ob die Wirtschaft des jeweiligen Landes in Zukunft weiterhin wächst oder schrumpft und sogar in eine Rezession führen könnte.

Viele Ökonomen sind der Meinung, dass man mit dem LEI die wirtschaftliche Entwicklung innerhalb des nächsten halben Jahres mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen könne.

Auf der Webseite des TCB kann man einen Kalender mit Neuberechnung des LEI einsehen sowie aktuelle Entwicklungen des Index.

Die 10 ökonomischen Kennziffern im LEI haben unterschiedliche Gewichtungen. Zu den 10 Komponenten gehören z.B. die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in der Warenproduktion, Veränderungen der Anzahl von Neuaufträgen bei Konsumgütern, die Anzahl der Neuanträge für Arbeitslosenhilfen und mehr.

Die Gewichtungen variieren dabei stark. Die Zinsspanne zwischen 10-jährigen US-Staatsanleihen und dem US-Leitzins fällt mit einem Gewicht von 33% an. Die Anzahl an Auftragseingängen für die Warenproduktion im Land hat nur ein Gewicht von 1,5%.

Jedenfalls kippen die Leute vom TCB diese Zahlen in eine Berechnungsformel, dann passiert Magic und am Ende kommt ein Wert raus. Wenn man diesen Wert dann über die Zeit betrachtet, so erhoffen sich die Ökonomen, könne man die wirtschaftliche Zukunft vorhersehen.

Okay, wie sieht das nun aus?

Schauen wir uns nun mal die Entwicklung des LEI seit seiner Berechnung für USA an, so erhalten wir folgendes Bild:

Hierbei ist der blau markierte LEI über die Zeit vom 1959 bis zur Gegenwart abgetragen. Die logarithmische Skala soll die Möglichkeit der besseren Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Rezessionen unterstützen. Die Rezessionen sind dabei grau dargestellt.

Adleraugen können nun erkennen, dass Rezessionen immer dann vorgekommen sind, sobald die Kurve einen entweder konstanten oder negativen Verlauf genommen hat. Tatsächlich kommen laut diesem Bild Rezessionen meist eine kurze Zeit nach einem Abfall des LEI zustande.

Die Grafik zeigt außerdem eindrucksvoll, die stark die Subprime-Krise 2008 eigentlich im Vergleich war. Kein Wunder, in den USA haben hunderttausende Menschen ihre Jobs verloren, Griechenland und Island standen kurz vor dem Staatsbankrott und das waren nur einige der Folgen…

Zurück zum Thema.

Ein Abfall des LEI soll laut TCB eine mögliche Rezession andeuten. Wenn man die Peaks des LEI vor einer Rezession als Maßstab setzt und den Abfall dahinter visualisiert, so ergibt sich folgendes Bild:

Man erkennt an dieser Grafik also die Anzahl der Monate nach einem lokalen Maximum des LEI und der offiziellen Rezession. Die Aussage ist also, dass man meist bereits Monate, wenn nicht sogar mehr als ein Jahr vorher eine Rezession mit dem LEI vorhersehen könne.

Negative Verläufe können auch von einem Zwischenhoch unterbrochen werden, solange es sich nicht um ein neues lokales Maximum handelt.

Wir befindet uns aktuell auf dem Weg zu einem weiteren Peak und stehen kurz davor ihn zu erreichen. Außerdem lässt die erste der LEI-Grafiken sogar eine Abflachung der Kurve für 2016 erkennen.

Beides bedeutet laut den Aussagen der TCB noch lange keine anstehende Rezession. Tatsächlich kam es in der Vergangenheit meist vor, dass Peaks immer höher und höher getrieben wurden. Wichtig sei daher nicht der eigentliche Peak-Wert, sondern das Absinken nach einem Peak.

Das TCB geht nicht davon aus, dass demnächst eine US-Wirtschaftskrise eintreten könne. Der Leiter der Zyklusanalyse (aka der Herr mit der Glaskugel) beim TCB heißt Ataman Ozyildirim und er sagt eine positive Entwicklung für die nächsten Monate voraus:

„The U.S. Leading Economic Index increased in December, suggesting the economy will continue growing at a moderate pace, perhaps even accelerating slightly in the early months of this year“

Der Index reicht für Deutschland leider nicht so weit zurück, ist aber auch einen Blick wert. Die als CEI (Coincident Economic Index) bezeichnete Kurve kann getrost ignoriert werden, das spielt gerade keine Rolle für uns, da er eher für die Beurteilung des Ist-Zustands benötigt wird.

Quelle: TCB

Die schönen Verläufe kann man hier nicht mehr ganz so gut erkennen. Nach 2010 gab es nach diesem Chart genug Situationen, in denen uns eine Krise bevorstand. Aber: Es kam wie ihr wisst zu keiner Krise.

Funktioniert es nun oder doch nicht?

Ich muss schon sagen, dass ich ein Freund von einfachen und verständlichen Methoden bin. Der LEI hat 10 Kennzahlen, die unterschiedlich gewichtet sind. Es macht für mich aber keinen großes Sinn, warum bestimmte Kennzahlen eine bestimmte Gewichtung haben sollten. Ohne jetzt die wissenschaftlichen Hintergründe gleich damit anzuzweifeln, widerspricht das einem unbeschriebenen Gesetz der Einfachheit.

Das erinnert mich an ein Zitat von Heinrich Tessenow:

„Das Einfache ist nicht immer das Beste. Aber das Beste ist immer einfach.“

Vielleicht ist der LEI nicht das Beste, aber reicht er nicht aus?

Ich nehme jetzt einfach mal an, dass die Gewichtungen durch experimentelle Analysen zustande gekommen und einfach eine Annäherung an in der Vergangenheit auftretende Muster sind. Natürlich wird man dadurch kein allgemeingültiges Gesetz aufgedeckt haben.

Für die amerikanische Industrie scheint man damit nun ein Instrument entwickelt zu haben, welches im Backtesting alle Rezessionen hinreichend erkennen konnte. Ich stelle mir aber die Frage, ob zukünftige Ereignisse dazu führen werden, dass die „Formel“ angepasst wird, damit sie „wieder funktioniert“. Wenn das so ist, hat die Berechnung keinen Wert für die Zukunft.

Ich bin, wie man vielleicht schon rausliest, relativ skeptisch bei makroökonomischen Indikatoren jeglicher Art. Die Vergangenheit hat häufig genug gezeigt, dass das Vorhersehen von Rezessionen nahezu unmöglich ist und der Zeitpunkt selbst bei genügend Indizien nur schwer zu ermitteln ist.

Versteh mich nicht falsch: Es gab zu jeder Krise Anzeichen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Es gab schon immer einige wenige, die diese Zeichen erkennen und sich positionieren konnten. Das beste Beispiel ist wohl Michael Burry während der Subprime-Krise 2008. Doch auch mit diesen versteckten Anzeichen, sind die Krisen leider stets anders verlaufen als vorherige Krisen.

Mir fällt es schwer zu glauben, dass man mit einer konstruierten Formel, die auch noch so ungewöhnlich aussieht, mit solch einer Präzision Wirtschaftskrisen voraussagen könne. Für Deutschland lässt sich der Wahrheitsgehalt schon mit einem kurzen Blick anzweifeln…

Vielleicht bin ich aber einfach nicht schlau genug wie die Experten und Gurus des TCB.


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