Heute gibt es ein neues Buchreview. Und damit eine neue Investmentstrategie.

Nachdem ich am Anfang der Woche mit dem Lesen von „Dual Momentum Investing“ angefangen habe, folgt nun in der selben Woche noch mein Review.

Ich habe das Buch in nur einer Woche zu Ende gelesen, obwohl ich Zeitmangel hatte und es mir eigentlich gar nicht leisten konnte nebenbei zu lesen.

Die Woche bestand auf Meetings, Meetings und noch mehr Meetings. Und ach ja: überfüllte Züge. Es war eine stressige Woche.

Und dennoch: Zeit ist Priorität. Ich habe meine Priorität auf dieses Buch gelegt. Und…

Dieses Buch ist eines der besten Investmentbücher, die ich bisher lesen durfte.

Und ich mache das in vollem Bewusstsein, was das tatsächlich bedeutet.

Es bedeutet, dass dieses Buch eine Menge bekannter und gehypter Bücher in den Schatten stellt. In diesem Review möchte ich auch erklären, warum ich so denke und warum meine Bewertung so positiv ausfällt.

Ich möchte aber gleich am Anfang sagen, dass ich bisher nie was von der Methode hielt, die ich in diesem Artikel vorstellen werde. Ich habe mich als Value-orientierter Quant-Investor gesehen mit einem Besonderen Blick auf günstige und stark wachsende Unternehmen. Das werde ich wohl noch bleiben.

Aber Gary Antonacci hat mich dazu gebracht meine bisherige Strategie noch einmal zu überdenken. In diesem Artikel tauchen wir ein in einen bestimmten Bereich der technischen Analyse.

Wenn du Value-Anleger bist, wirst du nun vermutlich sehr skeptisch sein. Das war ich auch! Aber lies weiter…

Ich habe sowohl Garys Buch, als auch seine wissenschaftlichen Paper gelesen und bin drauf und dran meine Investmentstrategie mit einigen Erkenntnissen aus dem Buch zu erweitern.

Ein Investmentstar, den keiner kennt

Gary Antonacci

Gary Antonacci

Gary Antonacci hat über 40 Jahre Erfahrung als Investor und kann sowohl als Praktiker, als auch als Theoretiker angesehen werden.

Eine seltene Kombination!

Seine wissenschaftlichen Studien zu Momentum brachte ihm 2012 den Preis für die beste Arbeit beim NAAIM Wagner Award, einem der renommiertesten wissenschaftlichen Finanzkonferenzen, die es gibt!

Gary hat diverse Investmentstrategien entwickelt und sie wissenschaftlich validiert. Seine Paper gehören zu den besten in der Finanzgemeinde.

Er macht in seinen Arbeiten deutlich, dass eine streng wissenschaftliche Arbeit keine unnötigen Annahmen stellen darf, auf einer möglichst großen Datenmenge arbeiten und möglichst einfach zu validieren sein sollte.

Gerade die Komplexität, die so vielen Investmentstrategien innewohnen, kritisiert Gary stark. Er ist der Meinung, dass diese unnötige Komplexität in der Vergangenheit nur zu fragilen Methoden geführt hat.

Gary ist nicht bloß Theoretiker, sondern schaut auf eine lange Karriere in der praktischen Investmentwelt zurück. Er hat 1978 seinen MBA an der Harvard Business School gemacht und lange als Investmentberater gearbeitet.

Und anschließend auch als Wissenschaftler. Als verdammt guter Wissenschaftler.

Wichtige Paper von ihm sind hier und hier zu finden. Beide Paper habe ich selber gelesen und kann sie jedem eifrigen Leser empfehlen. Wer keine Zeit oder Lust hat, der sollte einfach weiterlesen. 😉

Ich habe selber eine Zeit an der Universität gearbeitet. Mir hat der wissenschaftliche Stil von Gary daher auf Anhieb gefallen.

Gary hat das Buch geschrieben, um das es heute geht. Darin hat er eine einzigartige Investmentstrategie erfunden. Die Rede ist von der Dual Momentum Investment Strategie oder im Buch auch Global Equities Momentum (GEM) genannt.

Was ist Momentum?

Das Momentum eines Wertpapiers ist das Verharren in einer Aufwärts- oder Abwärtsrichtung. Es gibt daher positives wie negatives Momentum. Oft wird Momentum auch als Trend bezeichnet. Strategien, die nach einem positiven Momentum suchen, nennt man daher auch Trendfolgestrategien.

Ein Trend bzw. ein Momentum ist dann vorhanden, wenn ein Aktienkurs verglichen mit einem Zeitpunkt in der Vergangenheit gestiegen oder gefallen ist. Meist vergleicht man den Aktienkurs heute mit dem Kurs von vor einem halben oder einem Jahr. Ist der Kurs heute höher als vor einem halben Jahr, so hat die Aktie ein positives Momentum und es ist wahrscheinlicher, dass sie in der Zukunft noch weiter steigt.

Dieses wahrscheinlicher ist definitiv diskussionswürdig und generell ist es wichtig zu klären, ob das tatsächlich der Fall ist. Ich muss dir leider sagen, dass ich das nicht in diesem Artikel besprechen kann, weil das für dieses Review einfach viel zu weit führen würde. Bald wird es aber sicher den einen oder anderen Artikel dazu geben. 😉

Also zurück zu Garys Buch.

Gary Antonacci meint nun, dass Momentum noch viel mehr ist:

„Momentum is also a systematic rules-based approach for entering and exiting the markets based on specific, proven criteria.“

Er ist der Meinung, dass man basierend auf dem Momentum eine Menge an Regeln aufstellen kann, die dem Investor helfen zu entscheiden, wann was gekauft und wann es wieder verkauft werden sollte. Dafür bedient er sich zwei Arten des Momentum: dem absoluten und dem relativem Momentum.

Absolutes Momentum

Das absolute Momentum einer Aktie ist der Unterschied der Performance dieser Aktie zur Performance eines kurzfristigen (1-3 Jahre), festverzinslichen Wertpapiers, zum Beispiel einer Staatsanleihe.

Nehmen wir zum Beispiel die Aktien von BMW. BMW hat den Investoren in den letzten 12 Monaten eine Rendite von 2,38 % gebracht. Hätte man den ETF iShares Core US Aggregate Bond als Vergleich herangezogen, hätte BMW damit ein negatives absolutes Momentum im Vergleich zu diesem ETF gehabt. Dieser hat nämlich eine jährliche Rendite von 2,56 %!

Das Ganze lässt sich nicht nur mit einzelnen Aktien, sondern eigentlich mit allen anderen Wertpapieren durchführen. Letztlich geht es immer um den Vergleich von Renditen. Performed ein Wertpapier über einen bestimmten Zeitraum wie 12 Monate besser als eine festverzinsliche Staatsanleihe, so hat es ein absolutes Momentum.

Die Staatsanleihe dient also als Maßstab für alle Aktien. Da sie damit als festen Maßstab für Renditevergleiche gilt, erhält diese Methode den Namen absolutes Momentum.

Relatives Momentum

Beim relativen Momentum, auch häufig als relative Stärke bezeichnet, geht es darum die Aktien miteinander zu vergleichen. Am besten bringt es Robert A. Levy, der Vater der „relativen Stärke“, auf den Punkt:

„The stocks which historically were among the 10% strongest appreciated in price by an average of 9.6% over a 26-week future period. On the other hand, the stocks which historically were among the 10% weakest appreciated in price an average of only 2.9% over a 26-week future period.“

Es geht also ganz konkret die Aktien zu finden, die in einem bestimmten Zeitraum wie z. B. 12 Monate die höchsten Kursgewinne erzielt haben. Aktien, die in der Vergangenheit gut performed haben, performen statistisch in der Zukunft besser als Aktien, die schlecht performed haben.

Dual Momentum

Gary nutzt beide Momentumformen für seine neue Methode. Er nennt sie Dual Momentum. Er sagt selber:

„Relative momentum looks at price strength with respect to other assets. It is like being on a train, then hopping on to a faster one that comes along. Absolute momentum looks at an asset’s own positive excess return over a given time period. If the train you are on starts going backwards and there are no other trains moving in the right direction, you step off on to the platform.“

Also, was macht Gary nun konkret? Seine Methode funktioniert wie folgt:

Jedes Jahr vergleicht Gary den S&P 500 mit dem MSCI ACWI ex US und wählt den Index aus, der in den letzten 12 Monaten höhere Renditen erwirtschaften konnte. Hier kommt also das relative Momentum ins Spiel.

Anschließend schaut er, ob der ausgewählte Index besser performed hat als kurzfristige amerikanische Staatsanleihen (T-Bills). Falls ja, investiert er für den nächsten Monat in den ausgewählten Index. Falls der Index in den letzten 12 Monaten schlechter als die T-Bills performed hat, wählt er die Staatsanleihen aus.

Diese relativ simple Investmentstrategie bzw. die damit einhergehende Entscheidung muss jeden Monat neu überdacht werden.

Von Oktober 1974 bis Oktober 2013 wäre man auf diese Weise 41% der Zeit im S&P 500, 29% im MSCI ACWI ex US und 30% in den Staatsanleihen investiert gewesen.

Tatsächlich kommt es mit dieser Strategie aber relativ selten zu Transaktionen, wodurch auch die Transaktionskosten stark reduziert werden.

„There were only 1.35 switches per year on average between these three assets, which means transaction costs for index switching would have been negligible.“

Das Ganze hört sich natürlich schön und gut an, für so eine gewagte These ist die empirische Untersuchung aber am Wichtigsten.

Das Problem dabei ist aber vor allem, dass die Backtesting-Szenarios häufig fehlerhaft konzipiert, undurchsichtig und zu komplex gestaltet werden.

Meine Erfahrung ist, dass jedes Experiment mit mehr als einem Faktor zu Schwierigkeiten bei der Validierung führt. Das ist für jede Wissenschaft so, aber vor allem im Bereich der Finanzen.

Ich bin relativ neu im Investment-Bereich und sehe mich als absoluten Neuling. Ich bin aber erschrocken darüber, mit welcher Ungenauigkeit, Intransparenz und Irrationalität in der Finanzwissenschaft gearbeitet wird.

Es ist kein Wunder, dass in diesem Bereich derart viele Halbwahrheiten verbreitet werden.

Auch Gary Antonacci sieht das wie ich und kritisiert die Komplexität der aufgestellten Modelle:

„Highly optimized methods are often complex, fragile, and prone to failure.“

Was ich an seiner Investmentstrategie so toll finde, ist, dass sie unglaublich leichtgewichtig, verständlich und vor allem validierbar ist.

Die konkrete Strategie habe ich etwas weiter oben in gerade mal zwei Absätzen erklärt.

In seinen wissenschaftlichen Arbeiten und seinem Buch geht Gary im Detail auf seine empirischen Untersuchungen ein. Seine Untersuchungen sind vorbildlich durchgeführt und glänzen vor allem durch ihre Einfachheit. Ich habe auf Anhieb verstanden, was er da eigentlich getan hat.

Was kommt dabei rum?

Die alles entscheidende Frage bei jeder Investmentstrategie ist aber: Was kommt dabei rum?

In dieser Abbildung siehst du, wie sich sein Investment basierend auf seiner GEM-Strategie (Global Equities Momentum), ein anderer Begriff für Dual Momentum Strategie, entwickelt hat.

Vergleich zwischen GEM (Global Equities Momentum, Garys Dual Momentum Strategie) mit diversen Benchmarks

Alle drei Momentum-Strategien performen besser als die beiden Indizes.

Wichtig ist, wie gut absolutes Momentum starke Bärenmärkte umgeht. Die Stärke von Dual Momentum liegt also in erster Linie darin, dass Bärenmärkte gemieden und damit Verluste vermieden werden. Das ist auch logisch. Gary kauft eines der beiden ETFs erst, wenn sie besser performed haben als die Staatsanleihen. Und das ist bei Bärenmärkten nicht der Fall!

Es gibt auch einige Leute, die selber ein Backtesting aufgesetzt haben und in einem kleineren Zeitraum hervorragende Ergebnisse ermitteln konnten, so z. B. hier in den Kommentaren oder hier.

Fazit

Insgesamt hat mich das Buch amüsiert, informiert und motiviert. Die Einfachheit der Strategie, ein unglaublich guter Schreibstil und der Wechsel zwischen wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit und Garys Lockerheit machen dieses Buch zu einer echten Überraschung.

Ich habe die englische Version gelesen, aber das Buch gibt es auch auf Deutsch. Leider kostet es auf Amazon fast 80 Euro und damit doppelt so viel wie die englische Version.

Das ist eigentlich eine ziemliche Unverschämtheit und ich kann dich beruhigen. Falls du nach meinen Erläuterungen von Garys Strategie immer noch Lust darauf hast das Buch zu kaufen, so wirst du mit der englischen Fassung auch glücklich.

Aber ich muss schon sagen, dass das Lesen des Buchs nicht notwendig ist. Die grundlegende Investmentstrategie habe ich hier vorgestellt und in den wissenschaftlichen Papern hier und hier findest du auch noch weitere Erläuterungen.

Garys Arbeit wurde zwar von der wissenschaftlichen Gemeinde sehr positiv aufgenommen, allerdings scheint Momentum an sich in der breiten Öffentlichkeit noch nicht angekommen zu sein.

Und auch die vielen deutschen Finanzblogger beachten das Thema Momentum derzeit noch nicht. Das liegt aber vor allem daran, dass viele Finanzblogger wenige quantitative, aber eine Menge qualitativer Kriterien zur Auswahl nutzen und dass bei den quantitativen Kriterien klassische Kennzahlen mehr beachtet werden.

Wenn dir mein Artikel nicht ausreicht und du Erklärungen vom Autor höchstpersönlich suchst, empfehle ich dir das folgende etwas lange Video.

Abschließend muss ich noch anmerken, dass man Dual Momentum unbedingt mit Vorsicht genießen sollte. Wenn man also z. B. eine Aktie kauft und diese ein absolutes Momentum gegenüber z. B. US-Staatsanleihen hat, so bedeutet es noch lange nicht, dass man damit positive Renditen oder gar Überrenditen erwirtschaften kann!

Gary nutzt seine Methode nicht ohne Grund mit zwei größeren ETFs, dem S&P 500 und dem MSCI ACWI ex US. Auf diese Weise verringert er sein Risiko.

Er zeigt in seinem Buch aber, dass man mit seiner scheinbar defensive Herangehensweise enorme Renditen erwirtschaften kann und über langfristigen Renditen eines Indexfonds liegt.

In einem zukünftigen Artikel werde ich auf die Integration dieser Methode in die eigene Investmentstrategie eingehen und möchte beispielhaft zeigen, wie man die Methode auch mit einzelnen Aktien modellieren kann.

Was hältst du von Momentum-Strategien oder speziell von der hier vorgestellten Strategie? Hast du eigene Erfahrungen damit gemacht? Lass es mich wissen und hinterlasse mir ruhig einen Kommentar.


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