Heute darf ich euch einen Krimi vorstellen: „Flash Boys“ von Michael Lewis. Ja, richtig gelesen! Man glaubt es kaum, aber es gibt wirklich hervorragende Krimis aus der Finanzwelt. Sie sind nicht nur spannend, sie vergrößern eure finanzielle Bildung!

Es geht bei dem heutigen Review aber nicht um irgendeine fiktive Geschichte à la Hollywood, sondern um tatsächliche, wirklich passierte Ereignisse verpackt in einer packend erzählten Krimigeschichte.

Die Geschichte aus „Flash Boys“ spielte in den Jahren nach der Subprime-Krise und begann damit, dass Brad Katsuyama, zu der Zeit noch ein Händler der Royal Bank of Canada (RBC), feststellen musste, dass die Preise für Aktien immer kurzzeitig stiegen, sobald er Aktien kaufen wollte.

Die Rede ist nicht von kurzfristigen und einmaligen Ereignissen, also seltenen Zufällen!

Sobald Brad auf „Kaufen“ klickte, stiegen die Preise.

Immer.

Dieser Umstand macht Brad verrückt. Es konnte doch nicht sein, dass er eine Aktie für 10$ das Stück kaufen wollte, der Kauf aber für 10,50$ stattfand. Ohne irgendeine rationale Erklärung. Das war doch nicht normal… Und Brad war doch sicher nicht der erste, dem das passierte. Irgendjemandem muss das doch ebenfalls aufgefallen sein.

Später stellte sich heraus: Auch anderen wussten von diesen Problemen. Nur nutzen sie es für ihre eigenen Zwecke aus und machten verdammt viel Geld damit…

Das Team

Brad führte ein scheinbar perfektes Leben. Er arbeitete bei einem guten Arbeitgeber, bekam ein hervorragendes Gehalt und hatte eine tollen Arbeitsumgebung. Doch Brad wusste, dass an dieser Anomalie an der Börse irgendetwas faul sein musste.

Und Brad war kein typischer Händler. Er arbeitete nicht an der moralisch fragwürdigen Wall Street und war auch sonst ganz anders. Er hatte einen hohen Gerechtigkeitssinn, suchte Harmonie im Team und stellte Transparenz und das Miteinander über alles andere. Durch reinen Zufall bekam er die Verantwortung für die Computerhandelsabteilung der RBC und hatte immer mehr mit der Wall Street zu tun.

Aber Brad passte einfach nicht an die Wall Street.

Er überzeugte seine Chefs und bekam das Einverständnis ein Team aufbauen zu dürfen und den lieben langen Tag nichts anderes zu machen, als dieser Börsenabsurdität auf die Schliche zu kommen. Und er hatte bereits eine starke Vermutung: Es musste einfach irgendwas mit dem Computerhandel zu tun haben.

Brad durchsuchte die gesamte Wall Street nach den größten Außenseitern, nach Genies, nach Insidern und mehr. Und er baute ein Team aus Leuten auf, die ebenfalls nicht an die Wall Street passten.

Rob Park, Brad Katsuyama und Ronan Ryan

Rob Park, Brad Katsuyama und Ronan Ryan

So landete z.B. auch Ronan Ryan, ein komischer irischer Experte für sämtliche Telekommunikationsthemen, bei der RBC. Ronan Ryan beriet schon in seiner Vergangenheit so genannte Flash Trader, eine Gruppe von Händler, die versuchten mit immer schnelleren Verbindungen Gewinn zu machen (dazu später mehr). Mit Ronan wussten sie, was für Menschen ihnen gegenüberstanden.

Und dann gab es noch Rob Park. Ohne Rob wären Sie vermutlich nicht auf verschiedenste technische Lösungen gekommen. Denn Park war derjenige, der herausfand, wie man dem Ganzen entgegenwirken konnte.

Ich könnte so fortfahren und die ganzen anderen Akteure in Brads Team vorstellen, aber das würde hier wohl zu weit führen.

Was war nun eigentlich passiert? Wie konnte der Preis genau in dem Moment des Kaufs in die Höhe steigen? Warum wurde Brad immer und immer wieder über den Tisch gezogen?

Als wüsste eine verborgene Kraft von dem Kauf noch bevor der Kauf tatsächlich stattfand…

Der Hochfrequenzhandel

Wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt, waren so genannte Flash Trader Schuld daran. Sobald Brad auf „Kaufen“ klickte, bekamen die Flash Trader von der Kauf-Order mit, kauften die nötigen Aktien selber ein und boten diese Aktien Brad nun teurer an. Das funktionierte nur deswegen, weil die Flash-Trader eine wesentlich schnellere Verbindung zu den Servern der verschiedenen Börsen hatten und Brads Kaufordner damit auf dem Weg „überholt“ wurde.

Flash-Trader erkennen eine Kauf-Order, kaufen die Aktienpakete vor dem eigentlichen Käufer und verkaufen sie ihm dann für einen noch höheren Preis weiter. Das Besondere dabei ist nun, dass dieses Vorgehen keinerlei Risiko mit sich bringt. Schließlich kaufen die Flash-Trader nur dann Aktien, wenn ein Händler wie Brad das ebenfalls tun möchte. Und sie verkaufen die Aktien sofort einige wenige Millisekunden später weiter an ihn. Am Ende des Tages gehen die Flash-Trader also ohne eine einzige Aktie tatsächlich zu besitzen mit riesigen Geldsummen heim.

Die Banken nennen es Hochfrequenzhandel und haben eigene Abteilungen bestehend aus Flash-Tradern, die sich nur darauf spezialisieren Intransparenzen an den unterschiedlichen Börsen mit einem gewissen technischen Vorsprung auszunutzen und sich risikolos daran zu bereichern.

Dieses Video fasst den Hochfrequenzhandel aus der Sicht von Michael Lewis sehr gut zusammen:

Und die mafiösen Geschäfte der Banken sind noch viel perverser. In so genannten Dark Pools werden Kauf-Orders vorgehalten, nur um von Flash-Tradern dieser Banken observiert und anschließend „überholt“ zu werden. Mit anderen Worten haben die Banken Börsen geschaffen, wo Order bewusst langsam durchgeführt werden, um die Kunden durch das Flash-Trading noch einfacher ausnehmen zu können.

Die Praktiken der Banken sind derart illegal, mir wird übel davon.

Das Ganze mag sich noch abstrakt anhören. Wenn man sich anschaut, wie viele Trades tatsächlich stattfinden, bekommt man ein Gefühl dafür, wie hochfrequent der Hochfrequenzhandel wirklich ist. Schauen wir uns dazu das folgende Bild an.

High-Frequency Trading Aktivitäten auf General Electric Aktien über 5 Millisekunden. Quelle. IEX

Hier erkennt man für einen Zeitraum von 5 Millisekunden, wie viele Kauf- und Verkaufsorder für eine bekannte Aktie wie General Electric zusammenkommen. Nochmal: Wir reden hier über einen Zeitraum von 5 (in Worten: FÜNF) Millisekunden! Das ist grotesk. Wer noch mehr Eindrücke von diesen Tätigkeiten haben möchte, kann sich z.B. dieses Video anschauen.

Laut der IEX kann eine Aktie in einer Millisekunde bis zu 500 Preiswechsel erleben.

Leider musste aber erst etwas geschehen, bevor die meisten Menschen diesen Umstand überhaupt realisierten. Am 6. Mai 2010 kam es an der New Yorker Börse zum sogenannten Flash-Crash, der dem S&P500 6% und dem Dow-Jones 9% Verlust in 6 Minuten einbrachte.

Nach diesem Vorfall war der Hochfrequenzhandel endlich in aller Munde…

Eine neue Börse entsteht

Für die Protagonisten in der Geschichte war das alles am Anfang aber nicht so offensichtlich. Das Team um Brad Katsuyama musste endlose Experimente, viele Gespräche mit unterschiedlichsten Leuten und die verzwickten Regeln verschiedenster Börsen studieren, bevor es ihn letztlich überhaupt gelang zu verstehen, was da eigentlich vor sich ging.

Brad erkannte, dass das Problem in den unterschiedlichen Börsen, ihren Regeln und ihren Dark Pools lag und man als Einzelner von außen kaum etwas dagegen tun konnte. Er erkannte, dass nur dann Fairness möglich wäre, wenn es eine Börse gäbe, die Transparenz an die vorderste Stelle schreiben würde.

Was am Anfang eine einfache Idee war, wurde später Realität. Er und sein Team riefen eine neue Börse ins Leben: die IEX. Die Regeln der Börse sollten transparent sein und alle Marktteilnehmer sollten die selben Rechte erhalten. Doch auch dies stellte sich als sehr schwierig heraus, da die Großbanken etwas dagegen hatten. Sie wollten schlichtweg nicht, dass jemand ihre Gelddruckmaschine angriff…

Die IEX: Das Team um Brad Katsuyama, Foto von IEX

Die Börse wurde mehrfach sabotiert, es wurden viele falsche Gerüchte von Großbanken verbreitet. Und trotzdem hatte Brad von diesen Banken diverse Kooperationsangebote vorliegen. Er hätte verkaufen können und wäre wohl dabei ein verdammt reicher Mann geworden. Die IEX hätte sich in dem Fall wohl genau wie die anderen Börsen entwickelt.

Doch er verkaufte nicht und schuf die bisher transparenteste Börse der USA. Ich glaube, dass es sich auch finanziell für Brad locker ausgezahlt hat. Der Erfolg stand aber am Anfang alles andere als fest.

Ich finde die Ansätze der IEX sehr interessant und werden sie die nächste Zeit über beobachten. Aus mir spricht einfach die Hoffnung, dass sich das Projekt erfolgreich entwickelt. Wenn man die Börsen anhand der Trades mit einander vergleicht, so braucht sich die IEX heute nicht zu verstecken. Sicherlich hat Michael Lewis Buch auch einen großen Anteil daran. Brad Katsuyama geht in dem folgenden Video etwas auf die Börse ein:

Die Abgründe eines weltweiten Finanzsystems

Parallel dazu zieht Lewis die Geschichten anderer wichtiger Akteure auf, so z.B. auch den Werdegang von Sergey Aleynikov, einem russischen Programmierer, der bei Goldman Sachs im Bereich des High-Frequence-Trading gearbeitet und anschließend beim Verlassen der Firma einige Codestücke mitgehen ließ.

Obwohl es sich nur um Open-Source Anteile handelte und nicht um Goldman Sachs spezifische Algorithmen, musste Sergey ins Gefängnis wandern und verlor in den Folgen dieser Entscheidung sein gesamtes Hab und Gut, seine Ehe und die Bindung zu seinen Töchtern. Seine Geschichte hat für viel Wirbel gesorgt, weil das FBI kein Recht hatte ihn festzunehmen.

Sergey Aleynikov bei einer Anhörung, Foto von Reuters

Die Geschichte um Sergey empfinde ich als zutiefst traurig, da dieser rein gar nichts mit den Machenschaften der Flash Trader zu tun hatte und persönlich schon immer ziemlich skeptisch eingestellt war bezüglich des Handels an der Börse. Er betrachtet jegliches Handeln an der Börse als reine Spekulation und hatte den Job nur aufgrund der intellektuellen Herausforderung – und einer sicherlich guten Bezahlung. Außerdem zeigt dieses Verfahren, welchen Einfluss Goldman Sachs auf die amerikanischer Behörden hat.

Trotzdem zeigt Michael Lewis in seinem Buch, wie Sergey an seiner Situation gewachsen ist und allen Meinungen zum Trotz seine Erfahrungen als Bereicherung betrachtet. Das kann man sich nur schwer vorstellen… Seinen Optimismus feiere ich auch noch, nachdem ich das Buch längst weggelegt habe.

Meinungen

Insgesamt wurde das Buch von der weltweiten Presse relativ positiv aufgenommen, allerdings gibt es auch negative Stimmen. So argumentieren z.B. Anhänger des Hochfrequenzhandels, das Buch gehe komplett an der Wahrheit vorbei und wäre mehr Fiktion als Realität oder wäre schlecht recherchiert. Andere Meinungen sind z.B., dass Lewis in seinem Buch nie mit wirklichen Flash Tradern gesprochen hat und sein Buch damit nicht objektiv sein kann. Das folgende Video zeigt sehr deutlich, wie kontrovers das Thema diskutiert wird:

In wissenschaftlichen Kreisen wird das Buch tendenziell akzeptiert, auch wenn es sicher aus populärwissenschaftlichen Gründen zu Übertreibungen neigt.

Fazit

Gerade im Wechsel zwischen diesen tragischen, interessanten und spannenden Subplots offenbart Michael Lewis einen abwechslungsreichen und für jeden Finanzjunkie kenntnisreichen Blick in die Abgründe des Hochfrequenzhandels.

Das sind vor allem Aspekte der Börse, mit denen die meisten Leute für gewöhnlich nicht zu tun haben. Das Wissen darum mag einen Leser daher vielleicht nicht unmittelbar tangieren, aber es gehört zu der finanziellen Allgemeinbildung und macht zudem Spaß.

Michael Lewis Bücher grenzen sich deutlich von den typischen Finanzbüchern ab, die mehr wie Sachbücher geschrieben sind und wo sich selbst die spannendsten Ereignisse wie Grabreden lesen. Tatsächlich halte ich Michael Lewis für einen der besten Finanzautoren unserer Zeit. Auch wenn seine Werke nichts mit Stockpicking zu tun haben und damit auch nicht direkt mit dem Investieren, kann ich sie jedem empfehlen, der sich für die Börse interessiert.

„Flash Boys“ liest sich wie ein Krimi und beschreibt eine große Verschwörung der Großbanken und der Flash Trader. Spielend leicht wechselt Lewis zwischen einzelnen Protagonisten. Er beschreibt mal das Große Ganze, nur im nächsten Teil dann daraus auf den Werdegang eines speziellen Charakters einzugehen. In seinen Romanen sind die Protagonisten Spielball von größeren Mächten, schaffen es aber aus ihrer Underdog-Position herauszuwachsen.

Ich habe mich nie sonderlich für den Hochfrequenzhandel interessiert. Dieses Buch hat es tatsächlich geschafft, dass ich diesen Bereich nicht nur ganz anders betrachte. Ich interessiere mich nun sogar mehr für das Thema. Und ich verspreche: Nach dem Lesen dieser Lektüre wird der Leser einen ganz anderen Blick auf die Zuckungen der Aktienkurse haben.

Es gibt viele Leser im Internet, die an dem Buch mangelnde Erklärungen in Hinsicht auf die technischen Details bemängeln. Das Buch erkläre einfach nicht genug und es sei sehr schwer den technischen Details zu folgen. Obwohl ich selber keine großen Schwierigkeiten dabei hatte, kann ich das vollkommen verstehen. Ich weiß ganz genau, dass technisch weniger versierte Leser an einigen Stellen nicht alle Details verstehen werden.

Aber selbst wenn ihr kein Tech-Geek seid, werdet ihr dieses Buch genießen können. Egal ob Anfänger, Fortgeschrittener oder Experte. Ich empfehle das Buch jedem, der sich auch nur entfernt für die Börse interessiert. Ich fand es insgesamt nicht ganz so spannend wie Michael Lewis Buch „The Big Short“, das soll aber nicht die Qualität von „Flash Boys“ schmälern.


Du kannst dich auch in den Newsletter eintragen. Kostenlos und jederzeit kündbar.