Kaum ein Thema im Investmentbereich polarisiert so sehr wie Momentum. Kaum ein Thema wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten so sehr diskutiert wie Momentum.

Kaum ein Thema bringt selbst die führenden Finanzwissenschaftler so sehr ins Grübeln wie Momentum.

Die Diskussion um Momentum ist eine Diskussion um die Markteffizienzhypothese, denn Momentum ist eine Anomalie der Markteffizienzhypothese.

Es ist die Anomalie der Markteffizienzhypothese.

Die Argumentationen sind zu großem Teil unhaltbar. Es werden über kaum ein Thema im Investmentbereich so viele Halbwahrheiten verbreitet:

  • Momentum ist Charttechnik und Charttechnik ist böse.
  • Momentum ist Stockpicking und Stockpicking ist böse.
  • Value ist gut, Momentum steht im Gegensatz zu Value, damit ist Momentum böse.
  • Momentum ist wie Growth, nur schlechter, also böse.
  • Viele Spekulanten nutzen Momentum, Spekulanten haben Glück, Momentum ist also böse.

Ich selber sehe mich eher als Value-Investor und war lange Zeit skeptisch bei Momentum.

Und tatsächlich gibt es beim Investment unterschiedliche Religionen. Ja, richtig gelesen: Religionen.

Viele Investoren gehören einer Religion an und investieren nach den Grundpfeilern dieser Religion. Und leider wird die eigene Religion vehement verteidigt. Häufig auch mit miserablen Argumenten.

Aber was ist wirklich wahr?

Ich möchte dir zeigen, woher Momentum kommt, wie es funktioniert und ob es sich lohnt, sich als Investor mit Momentum auseinander zu setzen.

Das ungeliebte Kind

Momentum hat eine verdammt lange und komplizierte Geschichte.

Dabei ist Momentum ja eigentlich ein rationales Konzept.

Man kann klar sagen, was Momentum ist und wie es funktioniert. Und man kann es relativ einfach gegenüber der Vergangenheit untersuchen.

Es gibt kaum ein anderes Gebiet der wissenschaftlichen Investmentforschung, welches derart gut studiert und untersucht wurde.

Für Momentumuntersuchungen gibt es so viele Daten, wie für kaum einen anderen Investment-Bereich.

In den letzten zwei Jahrhunderten hat sich die Welt so stark verändert wie einige Jahrtausende zuvor nicht. Untersuchungen für ein bestimmtes Jahrzehnt, eine bestimmte Branche oder einen Markt sind nicht hinreichend.

Viele Investmentgebiete werden aber auf zu wenigen Daten untersucht. Es gibt in einigen Investment-Gebieten Forschungen, die auf Daten von knapp über 10 Jahren durchgeführt werden. Die Daten fehlen einfach und so ist es schwierig da wirklich gute Aussagen tätigen zu können. Trotz mangelnder Daten werden vorschnell irgendwelche Schlüsse gezogen.

Die Untersuchungen zum Momentum reichen aber auf Daten von über 200 Jahren zurück und liefern damit Aussagen, die unabhängig sind von einem spezifischen Zeitalter, irgendwelchen wirtschaftlichen Makrotrends, politischen Bewegungen, gesellschaftlichen Normen und dergleichen mehr.

Es gibt zahlreiche Studien, die die Daten dann noch für spezielle Jahrzehnte, Märkte, Länder und Gesellschaften und in speziellen Branchen untersuchen.

Die Momentumforschung ist ein hervorragend erforschtes Gebiet und die Forschungen gehen weiter…

Unter diesen Umständen müsste Momentum ein einfaches Kapitel sein in dem unendlichen Buch der Investmentstrategien.

Ich könnte hier also einfach nur ein paar Ergebnisse vorstellen und wie es sich für jeden Blogpost gehört meine subjektive Meinung dazu kundtun.

Das Kapitel Momentum wäre für mich und diesen Blog schnell abgeschlossen. Und du könntest für dich entscheiden, ob Momentum für dich ein geeignetes Tool zur Aktienselektion darstellt.

Aber du ahnst es schon: So ist es leider nicht.

Auf Denglisch würde man sagen: Momentum hat eine Menge Hater.

Um zu verstehen, was Momentum ist, woher es kommt und wer bekannte Anwender waren, machen wir einen kleinen Exkurs.

In das Jahr 1687.

Vor langer, langer Zeit

Im Jahr 1687 präsentiert ein gewisser Isaac Newton mit seinem Hauptwerk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ einen Meilenstein der Physik. Dieses Werk wird das Denken in den Naturwissenschaften massiv beeinflussen.

Und was hat das alles mit Momentum zu tun? Ich bitte um Geduld!

Wir kennen Newton als denjenigen, der fast im Alleingang die moderne Naturwissenschaft begründete.  Als den Forscher, auf dessen Arbeit auch heute noch so gut wie alle naturwissenschaftlichen Disziplinen zurückgreifen. Als den, der uns einen völlig neuen Blick auf das Universum geschenkt hat.

Auf Newton und sein Hauptwerk gehen drei bekannte Gesetze der Mechanik zurück. In seiner präzisen und knappen Wortwahl vermittelt uns Newton in seinem ersten Gesetz ein Axiom mit einer Eleganz, dessen man sich kaum entziehen kann:

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmig geradlinigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“

Das ist Momentum.

Okay, ich gebe zu, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Isaac Newton mit seinem Axiom auch wirklich Momentum-Investing meinte. Zumindest heißt es, er wäre ein miserabler Investor gewesen.

Immerhin hat er einen Großteil seines Vermögens während der Mississippi-Spekulationsblase von 1718-1720 verloren, indem er zu spät eingestiegen ist und die Wertpapiere zu lange gehalten hat. Seinen Frust fasste er wie folgt zusammen:

„Ich kann zwar die Bahn der Gestirne auf Zentimeter und Sekunde berechnen, aber nicht, wohin eine verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann.“

Momentum ist mehr

Aber Momentum ist noch mehr. Jahre später fasste der Ökonom David Ricardo zwei wichtige Grundgedanken von Momentum in einem Zitat zusammen:

„Stoppe deine Verluste; lass deine Gewinne laufen.“

David Ricardo

Momentum wird häufig einfach als spekulatives Trendfollowing betrachtet. Aber das ist es nicht. Man folgt nicht einfach blind einem Trend, sondern hat klare quantitative Regeln, nach denen man kauft und verkauft.

Das übergeordnete Ziel ist dabei das Vermeiden von Verlusten. Und das wird erreicht, in dem man versucht die „Gewinner“ ausfindig zu machen.

In dem Buch „Reminiscences of a Stock Operator“ von Edwin Lefèvre aus dem Jahr 1923 liest man von einem der begnadetsten Spekulanten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts: Jesse Livermore.

Dieser hatte mit Momentum-Investing ein Vermögen aufgebaut. Und alles wieder verloren, weil er aufgehört hatte, sich an seine Regeln zu halten.

Jesse Livermore ist ein motivierendes und abschreckendes Beispiel zugleich. Er arbeitete nicht rein quantitativ, sondern spekulierte nach eigenen Vorstellungen und Meinungen an der Börse.

Abgesehen von seinen atemberaubenden und spektakulären Short-Engagements, lebte Livermore aber die Momentum-Strategie wie kein anderer:

„Big money is not in the individual fluctuations, but in sizing up the entire market and its trend.“

Jesse Livermore

Livermore erkannte früh, dass viele Investoren bei steigenden Kursen zu schnell aussteigen. Sie beherzigten das oben genannte Zitat von David Ricardo einfach nicht. Livermore wollte es anders angehen:

„Prices are never too high to begin buying or too low to begin selling.“

Eine lange Historie

Andere wichtige Akteure zum Momentum im frühen zwanzigsten Jahrhundert waren Richard Wyckoff, George Seamans, Arnold Bernhard und H. M. Gartley. Sie alle haben Momentum eingesetzt, um damit Vermögen aufzubauen und haben Bücher darüber geschrieben.

So empfiehlt George Seamans 1939 in „The Seven Pillars of Stock Market Success“, dass man starke Momentum-Aktien während eines Bullenmarktes kaufen und schwache Momentum-Aktien während eines Bärenmarktes shorten sollte.

H. M. Gartley publizierte 1945 den Artikel „Relative Velocity Statistics: Their Application in Portfolio Analysis“, in dem er folgenden Ratschlag erteilt:

„In addition to the usual valuation methods applied to stock, analysts should consider its velocity.“

Herbert E. Jones und Alfred Cowles (beide rechts)

Alfred Cowles und Herbert E. Jones untersuchten Momentum im Jahr 1937 aus wissenschaftlicher Perspektive. Ihre Arbeit war eine zu der Zeit wenigen auf Momentum basierenden wissenschaftlichen Publikationen.

Sie zeigten, dass man bei Aktien in den Jahren von 1920 bis 1935 interessante Beobachtungen bezüglich Momentum machen konnte:

„Taking 1 year as the unit of measurement for the period from 1920 to 1935, the tendency is very pronounced for stocks which have exceeded the median in one year to exceed it also in the year following.“

Was die beiden hier zum ersten Mal wissenschaftlich formulierten, sollte später die größte Anomalie der akademischen Investmentliteratur werden.

Der Löwe der Wall Street und seine Erben

In den folgenden Jahren machte sich vor allem Jack Dreyfus, der „Löwe der Wall Street“, mit seiner Momentumstrategie einen Namen.

Jack Dreyfus

Dreyfus wurde bekannt, weil er mit einem 20000$ Gehalt anfing und als Milliardär in Rente ging. Er war fest von Momentum überzeugt:

„If you’ve got an escalator that’s going up, you’re better off betting on an individual on that escalator than on an individual on an escalator that’s going down.“

Er kaufte Aktien nur dann, wenn diese neue Höhen erreichten und ein deutliches positives Momentum hatten. Zwischen 1953 und 1964 schaffte er mit seinem Fond eine fast doppelt so hohe Rendite verglichen zum Dow Jones…

Und Dreyfus beeinflusste mit seiner Strategie ziemlich bekannte Leute in der Investmentgemeinde. So zum Beispiel Edward C. Johnson, den Gründer von Fidelity Investments, und William O’Neil, der vor allem durch die CAN SLIM-Methode aus dem Buch „How to Make Money in Stocks“ bekannt wurde. O’Neils Motto war an das Zitat von David Ricardo angelehnt (siehe oben):

„Buy the strong, sell the weak.“

Es gab in den 60ern eine Menge bekannte Investoren, die es ganz ähnlich wie Dreyfus machten: Nicolas Darvas, Gilbert Haller, Richard Donchian, Ed Seykota, Richard Dennis, Michael Marcus und David Druz. In den 70ern und 80ern war es vor allem Richard Driehaus, der nach Momentum investierte.

Sie alle kaufte Aktien erst, wenn sie neue Höhen erreichten und verkaufte Aktien, deren Momentum sich auflöste. Das Problem ist nur, dass viele von ihnen nach subjektiven Kriterien gekauft haben. So sagt zum Beispiel Richard Driehaus selber:

Perhaps the best-known investment paradigm is buy low, sell high. I believe that more money can be made by buying high and selling at even higher prices… I try to buy stocks that have already had good pricemoves, that are already making new highs, and that have positive relative strength… I always look for the best potential performance at the current time. Even if I think that a stock I hold will go higher, if I believe another stock will do significantly better in the interim, I will switch.

Der Anfang dieses Zitats ist eine schöne Definition von Momentum. Das Ende ist hingegen Spekulation…

Ich denke, dass dieses (dick markierte) spekulative Element Momentum seinen schlechten Ruf eingebracht hat.

Dabei meine ich nicht dieses spezielle Zitat, sondern, dass viele Momentum-Investoren tatsächlich auch spekuliert haben.

Foto von kibayashi

Momentum ≠ Spekulation

Wichtig ist die Trennung zwischen der Strategie und den Anwendern.

Wenn die Anwender von der Strategie abweichen und subjektive Entscheidungen treffen und damit spekulieren, bedeutet das noch lange nicht, dass Momentum-Strategien an sich hochspekulativ sind.

Livermore selber betone zu Lebzeiten, dass sein Scheitern darin begründet war, dass er von seinem Weg abgekommen und seine selbstgesetzten Regeln nicht befolgte.

Computern passiert sowas natürlich nicht.

Nicht umsonst konnten Leute wie Ed Seykota Computersysteme aufbauen, die praktisch ohne menschliches Zutun nach Momentum-Kriterien kauften und verkauften und dabei eine Menge Geld machten.

Jack Schwager sagt in seinem Buch „Market Wizards“ sogar folgendes über Ed Seykota:

„[…] the accounts Seykota managed have witnessed an absolutely astounding rate of return… I know of no other trader who has his track record over the same length of time“

Dabei ließ Ed Seykota einfach ein paar Computer für sich arbeiten…

Der Umstand, dass Momentum von Spekulanten eingesetzt wird ist wohl aber eines der schlimmsten Halbwahrheiten, die in der Investmentgemeinde verbreitet werden.

Viele der großen computergesteuerten Investmentsysteme handeln nach den Erkenntnissen der Momentumforschung.

Computersysteme führen einfach nur Befehle aus.

Und es sollte jedem klar sein, dass Momentum an sich eine rein rationale Strategie ist.

Wie geht es weiter?

Basierend auf diesen ganzen Investoren hast du hoffentlich ein Gefühl dafür bekommen, was Momentum ist und welchen Einfluss es eigentlich hatte.

Die bisher vorgestellten Investoren gehörten zur „alten Schule“. Tatsächlich hat das Thema Momentum erst viel später richtig Fahrt aufgenommen.

Außerdem habe ich betont, dass die spekulativen Tätigkeiten einiger Momentum-Investoren nichts mit den rational begründeten und leicht verständlichen Momentum-Strategien zu tun haben.

Sicherlich hast du aber auch selber gemerkt, dass ich in diesem Artikel gar nicht über konkrete Strategien gesprochen habe.

Was ist denn dieses „Momentum“ nun aber tatsächlich? Und wie funktioniert es? Lohnt es sich?

Das alles und noch mehr erfährst du im nächsten Teil dieser Serie… 🙂

Bis dahin würde mich interessieren, was du von Momentum hältst. Ich habe schon in den Kommentaren zum Review von „Dual Momentum Investing“ einiges dazu lesen können. Mich interessiert nun aber: Was hältst du von Momentum und nutzt du es in irgendeiner Form für deine Investments?


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