Wie wir in Teil 1 und Teil 2 dieser Serie festgestellt haben, hat Momentum eine komplizierte Geschichte. Heute möchte ich aber noch einen Schritt weitergehen.

Das relative Momentum hieß ursprünglich eigentlich relative Stärke bevor es Akademiker verwissenschaftlichten und es cross-sectional momentum nannten. Ich mag den Begriff „relatives Momentum“. Es bringt das zum Ausdruck, was es tatsächlich ausmacht… Der Vergleich eines Wertpapiers mit seinen „Artgenossen“.

Und durch diesen Begriff wird auch die Abgrenzung zu dem deutlich, was ich heute ansprechen möchte.

Absolutes Momentum

Beim absoluten Momentum (time-series momentum) geht man davon aus, dass die Vergangenheit des Aktienkurses auch schon Aussagen über seine Zukunft liefern kann.

Das hört sich erst einmal esoterisch an. Ich weiß… Und ich war auch erstmal erschrocken und war kurz davor meine Bücher und ausgedruckten Paper quer durch die Wohnung zu schmeißen.

Das gleiche Gefühl hatte ich auch schon beim relativen Momentum. Und auch hier bitte ich um Geduld…

Im Laufe dieser Serie möchte ich die Ergebnisse dieser Methoden vorstellen und meine persönliche Sicht dazu erläutern.

Absolutes Momentum wurde richtig bekannt durch ein Paper von Moskowitz, Hua Ooi und Pedersen mit dem Titel „Time Series Momentum“. Der Name Time Series Momentum ist aus meiner Sicht irreführend, weil Zeit für alle Momentumarten eine wichtige Komponente ist. Ich finde auch hier den Begriff absolutes Momentum wesentlich passender.

Beim absoluten Momentum wird geprüft, ob die Rendite eines Wertpapiers über einer bestimmten Zeit abzüglich der Rendite einer „risikofreien“ Anlage (z. B. Staatsanleihen) über den gleichen Zeitraum positiv oder negativ ist.

Hört sich kompliziert an, ist aber ganz einfach. Ein imaginäres Beispiel verdeutlicht das.

Die Apple-Aktie hat z. B. in den letzten 12 Monaten eine Kurssteigerung von 10% gehabt. Wenn wir US-Staatsanleihen zum Vergleich hernehmen und diese Anleihen uns im Beispiel 3% gebracht hätten, so haben wir für die Apple-Aktie ein absolutes Momentum von 10%-3%=7%. Wenn eine Microsoft-Aktie im selben Zeitraum eine Kurssteigerung von 20% gehabt hat, so ist das absolute Momentum mit 20%-3%=17% höher.

Wenn diese Zahl also positiv ist, hat die Aktie ein positives absolutes Momentum. Ist sie negativ, hat sie folglich ein negatives absolutes Momentum.

Ich werde später noch ein anderes Beispiel nehmen, spätestens da wird es glasklar.

Das Ziel von Strategien basierend auf absolutem Momentum lässt sich einfach zusammen:

Es ist am einfachsten ein Pferd in die Richtung zu reiten, in die es bereits läuft.

Auch hier merkt man schon, dass es beim absoluten Mometum um das Ausnutzen der von Eugene Fama als Momentum-Anomalie bezeichneten Anomalie geht, siehe dazu Teil 2 dieser Serie.

Wo liegt der Unterschied?

Absolutes Momentum und Relatives Mometum sind nicht dasselbe. Das möchte ich nur noch mal betonen. Es ist möglich, dass ein Wertpapier ein positives relatives Momentum hat, aber ein miserables absolutes Momentum.

Die Solarindustrie war für Anleger ein Riesenflop. Die Solarunternehmen hatten ausnahmslos negative Performances und das über einen langen Zeitraum. Aber auch in dieser miserabel laufenden Industrie gibt es einige Unternehmen, die weniger schlecht laufen als andere. Wenn wir uns das beste der miserablen Unternehmen anschauen, so ist das absolute Momentum trotzdem negativ. Da dieses Unternehmen aber relativ gut läuft verglichen mit den anderen Solarunternehmen, hat es ein positives relatives Momentum.

Der Unterschied wird noch klarer, wenn wir uns ein konkretes Beispiel anschauen. Nehmen wir die beiden Unternehmen Volkswagen und BMW und ein paar hypothetische Kurse, um das Beispiel zu verdeutlichen.

Zeit BMW Volkswagen Staatsanleihe
Vor 12 Monaten 10 € 10 € 10 €
Heute 20 € 30 € 10,3 €

Beim absoluten Momentum wären sowohl BMW als auch Volkswagen Kaufkandidaten, denn beide hatten eine positive Performance in Hinblick auf die letzten 12 Monate.

BMW hat sich im Wert verdoppelt und Volkswagen sogar verdreifacht.

Beim relativen Momentum wäre nur Volkswagen der Kaufkandidat, da Volkswagen BMW in den letzten 12 Jahren des hypothetischen Beispiels bezüglich Kursperformance hinter sich gelassen hat.

Also: Obwohl beide Aktien innerhalb der 12 Monate deutlich gestiegen sind, ist die Volkswagen-Aktie viel stärker gestiegen als die BMW-Aktie. Sie hat also relativ gesehen ein höheres Momentum.

Dieses Beispiel verdeutlicht auch, dass beide Methoden unterschiedliche Ergebnisse und damit eine verschiedene Auswahl an Aktien zur Folge haben (können)!

Die Praxis zeigt aber, dass Aktien mit starkem relativen Momentum häufig auch ein starkes absolutes Momentum haben.

Konkrete Strategie zum absoluten Momentum

Es gibt wie immer unendlich Möglichkeiten eine Strategie aufzusetzen. Beim absoluten Momentum ist es aber etwas schwierig.

Eine naive Strategie für das absolute Momentum wäre es aber beispielsweise alle Aktien zu kaufen, die in den letzten 12 Monaten ein positives absolutes Momentum von über 5%, 10% oder noch mehr hatten. Man könnte nun jedes Quartal überprüfen, ob die eigene Auswahl noch stimmt und Änderungen vornehmen.

Tatsächlich ist mir aber kein Investor bekannt, der eine solche Strategie fährt! Und das zurecht.

Wenn eine ganze Branche gehyped wird und praktisch alle Kurse nur eine Richtung kennen, kann es dadurch auch schonmal dazu kommen, dass man viele Aktien derselben Branche kauft. So eine Strategie schützt natürlich nicht vor einem Klumpenrisiko.

Die Portfoliogröße variiert zu stark und so auch die Gewinne. Ich würde gerne einen Backtest sehen zu so einer Methode. Ich zweifle stark daran, ob damit hinreichend gute Ergebnisse erzielt werden könnten.

Moskowitz und seine Kollegen gehen daher in ihrem Paper „Time Series Momentum“ anders vor. Sie machen es wie Gary Antonacci in seinem Buch Dual Momentum Investing und kaufen und verkaufen nach Asset-Klassen, nicht nur nach einzelnen Aktien. So berechnen sie das absolute Momentum für Aktien, Rohstoffe, Währungen, etc.

Wie gut ist absolutes Momentum?

Moskowitz und Co haben nun in „Time Series Momentum“ gezeigt, dass es absolutes Momentum gibt und dass es weitläufig vorkommt. Sie meinen:

„time series momentum […] is remarkably consistent across very different asset classes and markets.“

Sie haben ein Portfolio erstellt, welches die stärksten Wertpapiere in Form von Indizes, Währungen, Rohstoffe und Staatsanleihen bezüglich ihres absoluten Momentums der letzten 12 Monate beinhaltet. Jedes Quartal haben Sie ihr Portfolio überprüft und eventuell Änderungen vorgenommen. Die Ergebnisse zeigen sie in ihrem Paper:

Sie haben festgestellt, dass es im Zeitraum von 1985 bis nach der Finanzkrise 2008 eine gute Idee war auf die Assettklasse zu setzen, die ein starkes absolutes Momentum hatte. Sie haben dafür ein eigenes und nach meinem Geschmack etwas verkompliziertes Rebalancing-System entwickelt.

Die Ergebnisse sind trotzdem interessant. Mit dieser Methode wäre es in diesem Zeitraum möglich gewesen beispielsweise den MSCI World mit Abstand zu schlagen.

Die Autoren zeigen, dass das absolute Momentum ebenfalls eine Anomalie zur Markteffizienz darstellt:

„Time series momentum represents one of the mostdirect tests of the random walk hypothesis and a number of prominent behavioral and rational asset pricing theories.“

Tatsächlich stellen die Autoren fest, dass sich relatives und absolutes Momentum unterscheiden, aber irgendwie doch miteinander verbunden sind:

„The time series momentum effect is distinct from cross-sectional momentum, though the two are related.“

Es ist es sogar so, dass die 10% besten Aktien bezüglich ihres relativen Momentums in fast allen Fällen absolut gesehen auch stark performen.

Dieses Paper war von grundlegender Bedeutung für die Arbeit von Gary Antonacci mit seiner Dual-Momentum Strategie. Dieser war zurecht der Meinung, dass man beide Momentumarten kombinieren kann um ein noch besseres Modell zu haben.

Gary und sein Dual-Momentum

Es ist logisch, dass es am Besten ist, wenn ein Unternehmen sowohl relativ am besten performed als auch absolut. Es scheint sich also nicht nur prächtig zu entwickeln (absolutes Momentum), sondern scheint sich auch besser zu entwickeln als andere Unternehmen (relatives Momentum).

Beide Momentumarten gleichzeitig zu betrachten, nannte Gary Antonacci „Dual Momentum“. Mehr dazu gibt es in diesem Artikel. Gary warnt allerdings davor Stockpicking zu betreiben und so basiert sein Ansatz bewusst auf ETFs… Die Leute von Alpha-Architect sind da anderer Meinung, siehe in diesem Artikel.

Wie sieht Garys Methode nun aber aus?

Gary vergleicht den S&P 500 mit dem MSCI ACWI ex US und wählt den Index aus, der in den letzten 12 Monaten höhere Renditen erwirtschaften konnte. Hier kommt also das relative Momentum ins Spiel.

Anschließend schaut er, ob der ausgewählte Index besser performed hat als kurzfristige amerikanische Staatsanleihen (T-Bills). Falls ja, investiert er für den nächsten Monat in den ausgewählten Index. Falls der Index in den letzten 12 Monaten schlechter als die T-Bills performed hat, wählt er die Staatsanleihen aus. Das ist das absolute Momentum.

Diese relativ simple Investmentstrategie bzw. die damit einhergehende Entscheidung muss jeden Monat neu überdacht werden. Das sind maximal zwei Vergleiche, die man als Investor durchführen muss. Einfacher geht es kaum…

Von Oktober 1974 bis Oktober 2013 wäre man auf diese Weise 41% der Zeit im S&P 500, 29% im MSCI ACWI ex US und 30% in den Staatsanleihen investiert gewesen. Und erfolgreich ist es auch:

Over this entire 40-year period, GEM has an average annual return of 17.43% with a 12.64% standard deviation, a 0.87 Sharpe ratio, and a maximum drawdown of 22.7%. This almost doubling of the annual rate of return over ACWI comes with a reduction in volatility of 2%. The Sharpe ratio quadruples, and the maximum drawdown drops by nearly two-thirds.

Das können wir am Besten anhand einer Grafik sehen:

Vergleich zwischen GEM (Global Equities Momentum, Garys Dual Momentum Strategie) mit diversen Benchmarks

Die Ergebnisse aus den in dieser Serie vorgestellten Papern zeigen, dass es Momentum gibt und das Momentum funktioniert. Es gibt aber noch einiges darüber zu wissen…

Zum Beispiel was ich abschließend über Momentum denke und ob Momentum in meiner Investmentstrategie eine Rolle spielt…

Das alles und noch mehr gibt es beim nächsten Mal, dem letzten Teil der Momentum-Serie. 😉


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