Nach den letzten Beiträgen zu Momentum könnte man zum Entschluss kommen, ich wäre der größte Trendfolger seit Jesse Livermore. Immerhin habe ich gezeigt, dass Momentum funktioniert und DIE Anomalie der Markteffizienzhypothese ist. In diesem Beitrag, welcher auch den Schluss zu der Momentum-Serie markiert, möchte ich zeigen, was ich von Momentum halte und ob ich es einsetze.

Die Anomalien der Anomalie

Das relative Momentum funktioniert, indem man die Aktienkurse aller Unternehmen in den letzten 12 Monaten vergleicht und auf die Top 10 Unternehmen bezogen auf ihre vergangenen Kursperformances setzt. Das führt zu nachweislich guten Ergebnissen:

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Kennzahl (1927–2014) Winner Loser S&P500 risikofrei
CAGR 16.86% –1.48% 9.95% 3.46%
Standardabweichung 22.61% 33.92% 19.09% 0.88%
Abweichung „nach unten“ 16.71% 21.97% 14.22% 0.48%
Sharpe Ratio 0.66 0.02 0.41 0.00
Sortino Ratio (MAR=5%) 0.79 –0.05 0.45 –3.34
Größter Drawdown –76.95% –96.95% –84.59% –0.09%
Profitable Monate 63.16% 51.42% 61.74% 98.01%

Warum es funktioniert? Keine Ahnung! Es gibt eine Menge Vermutungen und meist wird mit der Verhaltensökonomik argumentiert. So heißt es, der Mensch würde wunderbare Unternehmen lange Zeit einfach nicht genügend würdigen und so würden vergangene Gewinner auch in der Zukunft gewinnen…

So oder so ist das Ergebnis verblüffend. Noch verblüffender wird das Ganze aber, wenn wir uns mal andere Zeithorizonte anschauen. Wie gesagt: Die besten Ergebnisse liefert Momentum bei einem Vergleich der Kurssteigerungen der letzten 12 Monate.

Schauen wir uns mal andere Lookback-Perioden an, so zum Beispiel einen Monat:

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Kennzahl (1927–2014) Winner Loser S&P500 risikofrei
CAGR 3.21% 13.46% 9.95% 3.46%
Standardabweichung 24.18% 29.60% 19.09% 0.88%
Abweichung „nach unten“ 16.83% 20.36% 14.22% 0.48%
Sharpe Ratio 0.11 0.46 0.41 0.00
Sortino Ratio (MAR=5%) 0.06 0.59 0.45 –3.34
Größter Drawdown –94.31% –81.48% –84.59% –0.09%
Profitable Monate 56.06% 60.13% 61.74% 98.01%

Die Resultate kehren sich fast um. Plötzlich sind die Aktien mit der schlechtesten Kursperformance eine gute Wahl und die Aktien mit der besten Kursperformance scheinen den Markt nicht nur zu „underperformen“… Nein, in über 40 Jahren zwischen 1927 und heute hatte man sogar einen Verlust gemacht (etwa 1930 bis 1976). Die Gewinne der vergangenen Gewinneraktien schneiden sogar schlechter ab als die risikofreie Anlage… Zusammen mit einer 1-2% Inflation, hätte man damit wohl sogar schlussendlich Verlust gemacht.

Eigentlich ist das Ergebnis nicht ganz so verblüffend wie es anfangs scheint. Das Wissen um so genannte Short-Term Reversals gibt es schon länger und dieses Bild bestätigt genau das. Bei kurzen Lookback-Perioden führen Short-Term Reversals dazu, dass Aktien mit guter Kursperformance in der Vergangenheit im nächsten Monat dazu tendieren eine Korrektur vorzunehmen.

Dieser Graph zeigt, dass diese so genannten Short-Term Reversals nicht nur existieren, sondern dass sie über einen großen Zeitraum und damit über verschiedene wirtschaftliche, politische und sonstige Sondersituationen hinaus existieren.

Bei längeren Lookback-Perioden zeigt sich ein ähnliches Bild. In ihrem Paper „Does the Stock Market Overreact“ untersuchen Werner DeBondt und Richard Thaler wie die Performance von Aktien ist, wenn man als Lookback wesentlich längere Zeiträume betrachtet, zum Beispiel 5 Jahre:

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Kennzahl (1931–2014) Winner Loser S&P500 risikofrei
CAGR 8.59% 14.30% 10.13% 3.46%
Standardabweichung 21.95% 30.37% 18.92% 0.90%
Abweichung „nach unten“ 16.23% 17.98% 13.91% 0.47%
Sharpe Ratio 0.33 0.47 0.43 0.00
Sortino Ratio (MAR=5%) 0.35 0.70 0.46 3.35
Größter Drawdown –72.80% –71.24% –74.48% –0.09%
Profitable Monate 58.83% 58.04% 61.71% 97.92%

Erneut schneiden vergangene Verlierer besser ab als vergangene Gewinner! Der jährliche Gewinnwachstum beträgt bei den vergangenen Verlierern über 14%, die vergangenen Gewinner schaffen nur über 8%.

Die Ergebnisse zeigen, dass es auch ein Long-Term Reversal gibt. Investoren, die ihre Aktien also einfach kaufen und liegen lassen, sollten sich auf einen oder mehrere Reversals gefasst machen in den Jahren nach dem Kauf.

Wenn wir uns diese drei Lookback-Perioden anschauen, können wir zusammenfassen, dass sich das Setzen auf Gewinner nur dann lohnt, wenn man als Lookback keinen zu kleinen und keinen zu langen Zeitraum wählt. Als Lookback empfiehlt sich ein Jahr.

Momentum ist damit nicht nur eine Anomalie von der Markteffizienz, es ist gewissermaßen auch eine Anomalie bezüglich dem Eintreten von Reversals, also Korrekturen.

Wir Menschen tendieren dazu, solche Anomalien als tatsächliche „Laune der Natur“ abzutun. Etwas, was mal geklappt hat und nicht mehr funktionieren wird. Also etwas, dass die Zeit und Mühe gar nicht lohnt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Theorien wurde Momentum aber hinreichend getestet und das über viele Jahrzehnte, Branchen, Assetklassen, etc. etc.

Momentum existiert, auch wenn es wirklich komisch ist. Bin ich nun ein Momentum-Investor?

Die Fahrt nach unten

Was ich bisher komplett unterschlagen habe ist etwas ganz anderes als das jährliche Wachstum des Geldes. Sicher, Momentum liefert im Schnitt über alle Weltwirtschaftskrisen der letzten fast 100 Jahre hinweg fast 17% jährliches Wachstum (Steuern nicht einberechnet), aber das ist nur eine Komponente.

Fast ebenso wichtig ist die Schwankungsstärke dieser Gewinne. Für das 12-Monate Momentum haben wir eine Standardabweichung von über 22% für das Winner-Portfolio. Das ist erstmal kein aufsehenerregender Wert, viel wichtiger ist der Maximale Drawdown. Also: Wie weit ging es zwischenzeitlich runter?

Es ging –76.95% runter. In Worten: In der untersuchten Zeit verlor das eigene Depot etwa Dreiviertel an Wert!

Momentum funktioniert, aber es ist verdammt schmerzvoll.

Kaum ein privater Investor hat die Nerven das auszuhalten. Ich sorge mich schon, wenn eine einzelne Aktie 20% verliert und ich soll bereit sein zwischenzeitlich 75% Verlust auf mein ganzes Portfolio zu machen?

Das ist by the way die Antwort auf die Frage: Warum macht es nicht jeder? Darum macht es nicht jeder.

Stell dir vor, du bist ein Hedge Fonds Manager und investierst nur nach Momentum. Bei 0% Gewinn klopft dein Chef an der Tür, bei -5% kriegst du täglich Anrufe von ihm und den Investoren. Bei -10% kannst du dir einen neuen Job suchen. Da ist es besser, man klammert sich an irgendeinen Index und betreibt professionelles Index-Hugging.

Das machen die meisten aktiven Fonds da draußen.

Drawdowns trotz florierender Wirtschaft?

Du wirst jetzt vielleicht fragen: „Was versuchst du mir zu erzählen, der S&P500 hatte noch krassere Drawdowns! In deiner Tabelle steht sogar ein Wert von –84.59% als größten Drawdown für den S&P500 drin.“

Und wie recht du hast. Der S&P500 hatte noch krassere Drawdowns. Aber leider nicht zur selben Zeit wie beim Momentum-Portfolio!

Nochmal zurück zum Beispiel. Du bist Hedge Fonds Manager und betreibst professionelles Index-Hugging. Du kaufst also einfach alles aus dem S&P500. Die Wirtschaft schmiert ab und natürlich schmiert auch der S&P500 ab. Dein Chef kommt in dein Büro. Du zuckst die Schultern: „Sowas kommt vor, die Wirtschaft ist halt abgeschmiert“.

Der Chef versteht das natürlich und geht aus dem Raum. Du erklärst den aufgeregten Investoren deines Fonds, dass sich die Wirtschaft bald stabilisieren werde.

Oder aber es kommt anders, schließlich bist du ein Momentum-Investor:

Die Wirtschaft blüht und gedeiht. Der S&P500 macht 20% im Jahr und alle Investoren erwarten wunderbare Gewinne auf dem Konto.

Aber: Dein Momentum-Portfolio scheitert legendär. Dein Portfolio verliert an Wert!

Erklär das mal deinem Chef!

Also, dein Chef kommt in dein Büro und fragt dich, wo das verdammte Geld ist. Ich kann dir sagen, wie du dich fühlen würdest. In etwa so:

Also: Du erklärst ihm, was Momentum ist, zeigst ihm ein paar Charts und verweist auf die Paper von irgendwelchen Momentum-Forschern.

Und ehe du dich versiehst, musst du dir einen neuen Job suchen.

Okay, ich bin kein Hedge Fonds Manager und du wahrscheinlich auch nicht. Trotzdem ist es schwer ein Momentum-Investor zu sein.

Das Investieren in Kurse

Ich investiere sehr gerne in Unternehmen, weil ich ein Teil dieses Unternehmens besitzen will. Ich bin nicht Aktionär (manchmal hasse ich diesen Begriff), ich bin Investor! Mein Problem ist, dass ich mich in meine Investments verliebe.

Das Problem bei reinen quantitativen Verfahren wie beispielsweise dem Investieren nach Momentum ist: Das Unternehmen ist egal.

Mal investierst du in Unternehmen X, mal in Unternehmen Y. Du änderst deine Unternehmen wie Unterhosen. Du hast keinen Bezug zu den Unternehmen, weißt nicht, was sie herstellen, wer sie betreibt, wie ihre Zukunft tatsächlich aussehen könnte.

Ganz zu schweigen von moralischen Gesichtspunkten. Ich persönlich investiere nicht in die Rüstungsindustrie, selbst wenn sie 1000% Wachstum pro Jahr hätten. Ich sehe mich nicht als große Moralapostel, manches geht aber zu weit.

Momentum-Investieren ist das Investieren in einen Kurs. Es ist wie das Investieren in ein Finanzprodukt, welches nur geschaffen ist, um Geld zu machen. Versteh mich nicht falsch, ich investiere nicht nur aus Spaß. Klar geht es um Geld, aber ich will wenigstens wissen, ob ich das Unternehmen auch wirklich unterstützen will.

Nehmen wir mal an, wir hätten damit kein Problem. Wie würden wir so eine Strategie umsetzen? Man kann nicht einfach mal händisch alle Kursperformances für die letzten 12 Monate berechnen. Bei tausenden von Unternehmen macht das definitiv keinen Spaß.

Sowas müssen Computer erledigen. Aber die meisten privaten Anleger können sowas nicht selber programmieren und mir sind keine Tools bekannt, die eine Top 10 Liste der besten Momentum-Aktien liefern. Für die meisten Anleger ist Momentum damit unpraktisch.

Ich bin kein Momentum-Investor

Also: Krasse Drawdowns, Distanz zu den Unternehmen, Programmierung eines entsprechenden Screeners, was noch?

Eine Sache habe ich unterschlagen: Warum es bei einem Jahr als Lookback für Momentum keinen Reversal gibt und bei kürzeren und längeren Zeitspannen so ein Reversal existiert.

Nun warum ist es so?

Keine Ahnung! Sag du es mir… Es ist einfach so. Und das stört mich vielleicht sogar am meisten am Momentum. Ich verstehe es einfach nicht.

Ich habe keine Ahnung, warum es funktioniert und die einfache Erklärung, es liege an der Psychologie der Massen, greift bei mir nicht. Das mag stimmen, aber ich kann es nicht validieren. Es wirkt wie geraten…

Ich will eine Strategie haben, die ich verstehe. Die zu mir charakterlich passt und bei der ich nachvollziehen kann, wenn sie nicht funktioniert. Ich weiß, die Börse ist keine exakte Wissenschaft. Dafür ist die Börse zu irrational und von menschlichen Gefühlen gesteuert, aber einige Strategien machen für mich mehr Sinn als andere.

Momentum kann ich mir noch nicht hinlänglich erklären.

Das sind die Gründe, warum ich kein Momentum-Investor bin!

Ich hoffe, dass dir diese kleine Serie gefallen hat und dir ein wenig beim Verständnis von Momentum geholfen hat. Du musst für dich entscheiden, ob du komplett nach Momentum investieren willst, ob Momentum deine Investmentstrategie unterstützt oder ob du es komplett ignorierst.

Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal! 🙂


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