In letzter Zeit habe ich mich vermehrt mit Momentum beschäftigt. Und so kam ich nicht umhin auch das Buch „Quantitative Momentum“ von Wesley R. Gray und Jack R. Vogel zu lesen.

Tatsächlich wollte ich das Kapitel Momentum erstmal beenden und mich einem anderen Thema widmen.

Das Buch hat aber hervorragende Bewertungen auf Amazon.com erhalten und gilt allgemein als eines der besten Bücher zum quantitativen Momentum in den letzten Jahren.

Momentum selber habe ich bereits in der Serie Momentum: Eine komplizierte Geschichte vorgestellt. Momentum war stets kontrovers diskutiert, obwohl es nachweislich gute Ergebnisse hervorbrachte.

In dem Buch „Quantitative Momentum“ möchten die Autoren zeigen, dass man mit Momentum langfristig den Markt schlagen kann.

Die Autoren

Wesley Gray

Wesley Gray und Jack Vogel haben sich aufgrund ihrer wissenschaftlichen Herangehensweise bereits einen guten Ruf in der Investorengemeinde aufgebaut.

Nicht umsonst ließ auch Gary Antonacci das Vorwort zum Buch Dual Momentum Investing von Wesley Gray schreiben.

Auf ihrem Blog Alpha Architect schreiben die beiden (zusammen mit anderen), wie man mit Hilfe von Momentum und Value langfristig den Markt schlagen kann.

Das möchte ich an dieser Stelle nochmal hervorheben: Die beiden sind keine Momentum-Fanatiker, die alle anderen Strategien ablehnen! Wesley Gray hat sogar ein Buch über quantitatives Value-Investing mitgeschrieben, welches ich mir auch irgendwann durchlesen möchte.

Die Investmentstrategien von Alpha Architect fußen auf einer Menge von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und genau das zeichnet sie aus: Sie lesen eine Menge von Forschungsergebnissen und geben dieses Wissen gebündelt weiter.

Jack Vogel

Das merkt man auch in ihren Büchern. Auf nahezu jeder Seite finden sich Referenzen zu wissenschaftlichen Studien.

Die in ihren Büchern vorgestellten Forschungsergebnisse nutzen sie dann als Berater und Portfoliomanager selber.

Und sie schreiben Bücher darüber.

Momentum sehen sie dabei nur als ein Tool an. Als ein Tool unter vielen.

High-Quality Momentum Investing

Durch das Buch entwerfen die Autoren eine Strategie, mit der sie der Meinung sind, dass eine hervorragende Performance mit möglichst starken Drawdowns möglich ist. Sie beginnen bei einer einfachen Momentum-Strategie, wie ich sie in der Momentum-Serie bespreche.

Diese klassische Momentum-Strategie nennen sie „Generic Momentum“. Davon ausgehend nutzen sie diverse aus neuen wissenschaftlichen Ausarbeitungen Erkenntnisse um ihren Algorithmus stetig zu verbessern und schaffen es damit nicht nur den Markt zu schlagen, sondern auch klassische Momentum-Strategien.

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Wie genau schaffen sie das? Das Ganze ist etwas kompliziert…Die Aktienauswahl geschieht in mehreren Schritten.

Nachdem die beiden Portfoliomanager in Schritt 2 die 10% besten Aktien ausgewählt haben (bezüglich der Performance in den letzten 12 Monaten, „Generic Momentum“) wird in Schritt 3 geschaut, wie viele dieser Aktien tatsächlich qualitativ hochwertig sind (dazu später mehr).

In Schritt 4 wird in bestimmten Zeitabständen ein Rebalancing ausgeführt, um saisonbedingte Abschwünge zu vermeiden. Die Autoren zeigen anhand einiger Backtests, dass in der Vergangenheit derartige Rebalancings zu einer Outperformance geführt haben.

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Für mich als fundamentaleren Investor ist ein solches Vorgehen natürlich erst einmal suspekt. In keinem Schritt wird das Unternehmen an sich angeschaut. Selbst in Schritt 3, wo es schließlich um Qualität gehen soll, spielt das Unternehmen eigentlich keine konkrete Rolle (siehe später).

Ich könnte nun die Ergebnisse anzweifeln und sie mit „das ist alles quatsch“ abtun und hiermit das Review beenden. Das werde ich nicht tun!

Die Autoren haben in vielen Kapiteln bewiesen, dass sie sich unglaublich viele Gedanken zu dieser Strategie gemacht haben und damit wahrscheinlich mehr als 99% aller Investoren da draußen darüber nachgedacht haben den Markt zu schlagen…

Letztlich geht es also nicht um die Frage, ob man mit dieser Strategie den Markt schlagen kann. Die Momentum-Anomalie funktioniert, siehe auch hier. Letztlich geht es darum, dass jeder entscheiden muss, ob dieser Stil dem eigenen entspricht.

Und ob man sich den Aufwand machen will.

Frog-In-The-Pan

Besonders interessant fand ich Schritt 3 ihrer Aktienauswahl.

Bei der Qualität habe ich eigentlich Kennzahlenanalysen erwartet. Also z. B. ob eine hohe Eigenkapitalquote vorhanden ist oder ob die Current Ratio in einem guten Bereich liegt.

Tatsächlich geht es da aber um etwas komplett anderes: um den Frog-In-The-Pan Algorithmus.

Dieser Algorithmus misst wie „smooth“ ein Aktienkurs ist. Jetzt wird es richtig esoterisch…

Bevor du mir eine wütenden Lesermail schreibst, lies bitte weiter!

Die Autoren Zhi Da, Umit Gurun, und Mitch Warachka beschreiben in ihrem Paper „Frog in the Pan: Continuous Information and Momentum“, dass Anleger tendenziell dazu neigen so genannte Lottery Stocks zu kaufen. Also Aktien, die dramatische Kurswechsel haben. Sie schreiben dazu:

„A series of frequent gradual changes attracts less attention than infrequent dramatic changes. Investors therefore underreact to continuous information.“

Sie zeigen, dass Aktien mit weicheren Kursbewegungen also weniger starken Kurswechseln andere Aktien outperformen.

Aktien mit „weichen Kursen“ sind einfach zu langweilig für die meisten Anleger…

Ich finde die Idee deswegen interessant, weil sie direkt psychologische Schwächen der Anleger ausnutzt.

Wie man das konkret misst und darauf basierend Entscheidungen trifft, würde für dieses Review zu weit führen. Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel darüber…

Warum investiert dann nicht jeder so?

Die im Buch gezeigten Ergebnisse sind offenkundig toll, aber die alles entscheidende Frage ist ja: Warum investiert dann nicht jeder genau so?

Die Autoren nennen zwei wichtige Gründe, der dritte Grund stammt von mir. Momentum-Investing…

  1. … passt nicht in die klassischen Kategorisierung von Investmentstilen.
  2. … hat ein erhöht Risiko in Form von stärkeren Drawdowns.
  3. … ist meist umständlich umzusetzen.

Viele private und professionelle Anleger folgen speziellen Investmentstilen. In der Regel spricht man von Value, Blend und Growth. Momentum passt da nicht rein.

Die Autoren bemängeln, dass viele Fond Manager in diesen Schubladen denken und damit auch Portfolios gestalten, die sich in diesen Schubladen befinden. Momentum-Aktien können aber sowohl Value als auch Growth als auch etwas dazwischen sein.

Bei diesem Argument war ich am Anfang sehr skeptisch, habe es später aber verstanden und stimme nun sogar zu.

Das zweite Argument ist aber noch viel wichtiger. Die Momentum-Strategie hat massive Drawdowns, also Kursabschwünge, die dazu führen, dass kurzfristig sehr schlechte Ergebnisse erzielt werden können. Gerade für Fonds ist dieser häufig auch als Tracking Error bezeichnete Kursabschwung ein großes Risiko für die Fond Manager.

Ich war schon überrascht, da die Drawdowns von Momentum nicht so dramatisch sind wie beispielsweise bei einem Growth-Investmentstil:

„Quantitative Momentum“, Wesley Gray und Jack Vogel

Beim zweiten Argument stimme ich nicht ganz zu.

Der letzte Punkt stammt von mir. Ich kenne kaum Kleinanleger, die in der Lage wären eine solche Strategie zu implementieren. Man braucht Programmierkenntnisse oder jemanden, der für einen solch einen komplexen Screener entwickelt.

Können Kleinanleger trotzdem was aus dem Buch lernen?

Ja! Erstens ist es ein sehr schlechtes Argument eine Aktie nicht zu kaufen, weil sie bereits gestiegen ist. Die Momentum-Anomalie zeigt deutlich, dass frühere Gewinner meistens auch weiterhin gewinnen.

Zweitens sollte man Lottery Picks meiden! Kauft möglichst nur langweilige Unternehmen…

Fazit

Dieses Buch ist verdammt gut recherchiert, auf einem sehr hohen Niveau geschrieben und bietet einen tiefen Blick in die Welt von Momentum. Leider ist es aus vielen Gründen praktisch schwierig umzusetzen.

Zum einen wird ein Privatanleger schlicht nicht die Zeit und die Fähigkeiten haben das in diesem Buch beschriebene Investmentmodell zu implementieren. Einige der darin enthaltenen Methoden wie die Frog In The Pan-Methode lassen sich einfach nicht per Hand nachrechnen, sodass Programmierkenntnisse von Nöten sind, um ein entsprechendes Tool zu bauen.

Dieses Buch würde ich also nur für Anleger mit entsprechendem Know-How empfehlen oder den Möglichkeiten Leute mit Programmierkenntnissen für sich arbeiten zu lassen.

Würde, denn dann gibt es noch einen ganz praktischen Grund, warum die in dem Buch erwähnte Strategie schwierig umzusetzen ist. In einem Wort: Drawdown.

Die Autoren zeigen außerdem, dass mit einer Kombination aus Value und Momentum gute Ergebnisse erreicht werden können. Obwohl die langfristigen Renditen dadurch geringer ausfallen als mit der Standard-Momentum-Variante, wird diese Methode die Psyche der meisten Anleger weniger belasten bei gleichzeitigen Renditen, die über dem Markt liegen.

Alles in allem ist das ein hervorragendes Investmentbuch, welches sich aber aus meiner Sicht eher an professionelle quantitative Investoren richtet, die die Ressourcen haben eine solche Strategie zu implementieren. Außerdem wird der wissenschaftliche Schreibstil die meisten privaten Kleinanleger eher überfordern…

Es gibt eine Menge Strategien, die einfacher zu implementieren sind und einen ähnlichen Erfolg bringen.


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