Hallo, lieber Investor und liebe Investorin. Heute widmen wir uns der hohen Kunst des Investments. Genauer gesagt einem Lernkurs von „The Great Courses“ mit dem Titel „The Art of Investing“.

Das Ganze ist als Buch, als Hörbuch und auch im Videoformat erhältlich. Ich habe mir die Hörbuchvariante gegönnt und meine Zeit damit echt genossen. Hier habt ihr mein Review dazu!

The Art of Investing

In „The Art of Investing“ geht Professor John M. Longo von der Rutgers University Business School in über 12 vollgepackten Stunden auf 30 der größten Investoren und Investorinnen aller Zeiten ein und erklärt deren Geschichte und deren Investmentideen anhand von ausgewählten Anekdoten.

Neben seiner Tätigkeit an der Rutgers University Business School ist Longo noch Chief Investment Officer und Portfolio Manager bei Beacon Trust. Er verwaltet dort mehr als 2,5 Millarden Dollar! Der Mann versteht was von der Kunst des Investments.

Unter den im Hörbuch vorgestellten Persönlichkeiten befinden sich neben bekannten Größen wie z. B. Buffett, Graham, Lynch auch noch andere in Deutschland leider nicht ganz so bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Dan Loeb, Linda Bradford Raschke und Sonia Gardner. Hinzu kommen zahlreiche Nebencharaktere, die nun wirklich nur die wenigsten kennen, z. B. Stanley F. Druckenmiller.

Prof. Longo ist der Meinung, dass die eigene Strategie basierend auf der eigenen Persönlichkeit, den Fähigkeiten und der Risikofreudigkeit gewählt werden sollte. Aber erst der Blick auf bewährte Strategien führt dazu, dass wir uns weiterentwickeln können:

„The best way to learn about the financial markets is by investing your own capital. The second-best way is to learn about what successful investors do, and that is the purpose of this course.“

Professor John M. Longo

Und so stellt er auch die Investoren vor. Angefangen bei den Low-Risk-Much-Fun Investoren wie Buffett, Graham und Co. geht es über No-Risk-Much-Fun Investoren wie Bogle dann zu Leuten wie Livermore: Much-Risk-Much-Fun (obwohl dieser sich sicher nicht so bezeichnen würde).

Man lernt, dass all diese Investoren nicht einfach Glück hatten mit einer Aktie, sondern sich wieder und wieder den Situationen angepasst haben und so laufend erfolgreich waren.

Jede Strategie ist dabei fest verankert mit der jeweiligen Persönlichkeit und mit der Geschichte des jeweiligen Investors. So erklärt Prof. Longo zum Beispiel, dass Benjamin Graham vor allem deswegen Value Investor wurde, weil seine familiäre und gesellschaftliche Situation es gewissermaßen erforderte.

Ben Grahams Familie verlor nach dem Tod des Vaters nahezu ihren kompletten Wohlstand. Später verlor Graham wieder fast alles durch die große Depression. Nur so wurde aus ihm ein Investor, der stets sein Risiko zu verringern versuchte und sein Vorgehen in einem Prinzip bekannt machte: „Margin of Safety“.

Benjamin Graham

Beim „Margin of Safety“ versucht man zusätzlich zu einer realistischen Schätzung des Werts einer Aktie eine „Sicherheitszone“ mit zu berücksichtigen. Bei dieser Methode kauft man eine Aktie erst dann, wenn sie unter die „Margin of Safety“ fällt. Es geht dabei nicht primär darum dass man damit mehr Gewinn erzielen kann, sondern darum, dass durch dieses Vorgehen das Risiko „nach unten“ verringert wird.

Das ist nur ein Beispiel für ein zentrales Thema im ganzen Hörbuch: Wie kann man das Risiko verringern?

Prof. Longo schafft es mit seinem Kurs, mich zum Nachdenken zu bringen. Ich habe immer nach meinen Prinzipien investiert. Regeln, die ich für mich aufgestellt habe. Am Ende stelle ich mir die Frage, ob es Gründe dafür gibt, dass ich investiere wie ich investiere. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der sich bei diesem Hörbuch diese Frage gestellt hat.

Es gibt kaum einen Bereich des Investment, den Longo nicht erwähnt. Value Investing, Growth Investing, Quant Investing, Passive Investing, Active Investing, Small Caps, Hedge Fonds, Dachfonds auf Hedge Fonds, Staatsfonds, Indexfonds, Contrarian Strategy, Rohstoffe, Termingeschäfte, spezielle Derivate, Behavioural Finance, etc. etc. Das Hörbuch ist derart umfangreich, das ist wirklich unglaublich.

Eine Börsenweisheit jagt die nächste

Longo zeigt in zahlreichen Geschichten, was die Strategien wirklich unterscheidet. Und was sie verbindet. Er zeigt, dass Investments sich lohnen, wenn die Preise am Boden liegen und man dann aggressiv zugreifen sollte. Dieses Wissen geht auf Nathan Rothschild zurück und ist der Ursprung der Contrarian Strategie:

„The time to buy is when there’s blood in the streets, even if the blood is your own.“

In diesem Fall, ist das Risiko nach unten verringert, sodass weitere Verluste unwahrscheinlich oder sehr gering ausfallen sollte.

„You cant fall out of the basement.“

David Dreman

Er zeigt an Geschichten von Investoren wie David Dreman, dass Preise nicht unendlich steigen können und irgendwann wieder zurückkommen.

“No tree ever grows to the sky.”

Er zeigt, dass schlechte Investoren zu lange an schlechten Investments festhalten und ihre Verluste ignorieren (Dispositionseffekt).

Dass viele Investoren ein gutes Unternehmen häufig mit einem guten Investment verwechseln (Repräsentativitätsheuristik).

Dass viele Investoren bei aktuellen Informationen und Nachrichten überreagieren und speziell bei negativer Presse unvernünftig werden. ​Viele schlechtere Investoren schauen gerne auf das, was kürzlich passiert ist und ignorieren das, was länger zurück liegt.

Dass viele Investoren dazu neigen Informationen zu ignorieren, die gegen die eigenen Entscheidungen stehen und eigene Investmententscheidungen in Frage stellen. Das ist der Grund, warum Menschen dazu neigen bekannte und populäre Aktien zu kaufen. Es gibt viel mehr positive Nachrichten über sie…

Prof. Longo zeigt, dass populäre Aktien sich in der Zukunft meist nicht so entwickeln wie erhofft. Gerade Unternehmen, die über eine überdurchschnittliche Entwicklung einen gewissen Vorsprung erhalten haben, performen meist in der Zukunft schlechter.

„Past losers will be future winners. Past winners will be future losers.“

Die Tendenz eines Kurses bei einem Unternehmen liegt im Durchschnitt. Der Durchschnitt hat also die fast schon magische Fähigkeit die Kurse von Ausreißern wieder anzuziehen. Diese Überlegung ist von essentieller Bedeutung für die Markteffizienzhypothese. Auch wenn ich persönlich nicht an diese Theorie glaube, finde ich schon, dass der Markt sehr effizient ist. Aber zurück zum Thema.

Das Phänomen „Zurück zum Durchschnitt“ gilt nicht für alle Unternehmen! Einige wenige Unternehmen performen über die meiste Zeit überdurchschnittlich gut und einige performen meist unterdurchschnittlich und können sogar bankrott gehen. Die Tendenz sollte laut Prof. Longo totzdem jeder Anleger im Hinterkopf haben.

Konkret bedeutet das für uns Anleger, dass Aktien jederzeit kritisch beäugt werden müssen. Hast du ein Liebling im Depot, welches dir seit einige Zeit Gewinne über Gewinne bringt? Es ist nicht garantiert, dass das auch in der Zukunft passiert. Im Gegenteil. Denk an Longos magisches Phänomen „Zurück zum Durchschnitt“.

David Dreman hat diesen Umstand für alle seine Investments genutzt. Er war der Überzeugung, dass Analystenbewertungen viel über gute und schlechte Investments aussagen. Wenn Analysten ein Unternehmen überaus positiv bewerten wird das Unternehmen schon dadurch populär und kann es nicht mehr schaffen die Erwartungen zu übertreffen.

Diesen Umstand macht sich auch Susanne Levermann in ihrem Modell zu nutze. Nun wissen wir, woher sie das hat. 😉

Contrarians und Cashflows

Dan Loeb

Prof. Longo zeigt anhand von Dan Loeb und Bill Ackman, wie wichtig der Cashflow ist. Dan Loeb hat einen Hedgefonds mit 3.5 Millionen Dollar gestartet und es zu einem Multimilliarden Unternehmen hochgezogen. Loeb meint, dass sein Fonds auf folgende Dinge achtet:

  1. Gutes Management
  2. Hohe und stetig steigende freie Cashflows
  3. Investitionen des Unternehmens sind weise über längeren Zeitraum geplant (Value Compounders).

Auch für Bill Ackman war der freie Cashflow das Wichtigste. In der Hinsicht hat das Hörbuch mir einen Bärendienst erwiesen. Ich achte mehr auf freie Cashflows. Gerade Bill Ackman und Dan Loeb gehören zu einer Gruppe von Investoren, den Activist Investoren (dazu später mehr), zu denen ich mich als privater Kleinanleger bei weitem nicht zählen kann.

Ich gebe aber zu, dass ich durch sie einfach einen breiteren Blick auf Investing an sich gewonnen habe und sich mein Denken zu Cashflows, insbesondere freien Cashflows, stark verändert hat.

Bill Ackman

Das Besondere an diesem Kurs sind aber aus meiner Sicht die vielen kleinen Anekdoten aus den Leben der Investoren. Es werden also nicht einfach Informationen abgespult, sondern Geschichten erzählt.

Geschichten über Geschichten

Ich wusste z.B. nicht, dass technische Analyse vor 100 Jahren zu Benjamin Grahams Zeiten nur deswegen so populär war, weil die Informationslage zu Unternehme zu schlecht war und man wenige gute Infos über das wahre Geschäft eines Unternehmens hatte.

Zu der Zeit war es keine Pflicht jährliche Geschäftsberichte rauszugeben und selbst die vorhandenen Berichte waren durch Tricks des Rechnungswesens manipuliert (das kommt auch heute noch vor). Aus diesem Grund war für viele Marktteilnehmer der einzige Weg das Investieren nach Formen und Mustern des Charts.

Jesse Livermore

Nicht jeden Investmentstil würde ich weiterempfehlen. Jessy Livermores spekulative Aktivitäten sind zwar heute von den meisten Daytradern hoch geschätzt, allerdings vertraut man dabei aus meiner Sicht doch zu sehr auf das Glück.

Er shortete erfolgreich die Wirtschaftskrisen von 1907 und 1929 und wurde so ein reicher Mann. Später verlor er wieder alles, weil er sich (so seine Aussage) nicht an seine eigenen Regeln gehalten hat…

Livermore war sicher kein einfacher Daytrader, denn er hatte große Fähigkeiten in Makroökonomie und Psychologie. Er hatte ein Gespür dafür, wann sich die Börsen unlogisch entwickelten und welche psychologischen Fehlurteile andere Menschen machten.

Seinen Stil würde ich persönlich ungern weiterempfehlen, aber tatsächlich investieren die meisten Menschen da draußen ähnlich wie Livermore.

Activist Investoren

Andere Investmentstile halte ich eher für unpassend für mich und für den durchschnittlichen Anleger, z.B. der Stil von Carl Icahn. Dieser entspringt einer Gattung von Investoren, häufig als Activist Investor bezeichnet, die das Management eines Unternehmens unter Druck setzen und so die eigenen Interessen umgesetzt haben möchten.

Carl Icahn

Ein Beispiel: Icahn ist bei Apple eingestiegen als diese einen riesigen Berg an Geld besaßen und das Geld von Apple praktisch nicht benutzt wurde. Er wollte Apple dazu bringen mit dem Geldberg Aktien zurückzukaufen und die Dividenden deutlich zu erhöhen. Icahn erreichte, was er wollte.

Apple hat Aktien zurückgekauft und die Dividenden erhöht.

Das Resultat: Icahn und seine Investoren verdienten mehr als 3 Milliarden Dollar an dem Deal.

Ganz abgesehen von den Kursgewinnen, die er macht, in dem er seine Aktien über Twitter und andere Kanäle pusht. Nehmen wir zum Beispiel die folgenden beiden Tweets, die der Herr vor einigen Jahren innerhalb weniger Minuten abgesetzt hat:

Daraufhin sprang die Aktie nur aufgrund dieses Tweets in die Höhe. Die Leute haben auf Icahns Meinung vertraut und wollten so früh wie möglich mit aufspringen.

Carl Icahns Tweet zum Kauf von Apple Aktien

Activist Investing wird häufig als die dunkle Seite der Wall Street angesehen. So spielt auch Gordon Gekko im Film Wall Street einen Activist Investor und soll wohl (es gibt da einige Hinweise) Carl Icahn darstellen. Auf Carl Icahn geht das folgende bekannte Zitat zurück, welches Gordon Gekko in Wall Street benutzt.

„If you want a friend on Wall Street, get a dog.“

An anderer Stelle weist Prof. Longo auf die Gefahren beim Shorten hin. ​Beim Shorten geht es darum, dass man Geld an fallenden Kursen verdienen kann. Die Börsen steigen 80% der Zeit, sodass Shorting als ein riskantes Geschäft gilt. Auch Longo weist mehrmals auf die Gefahren hin.

Longo erzählt dazu die Geschichte von Joe Cambell, der ein Biotech Unternehmen geshortet hat, dessen Kurse aber von 2 auf 18 Dollar anstieg – praktisch über Nacht. Er verlor fast sein gesamtes Vermögen damals, das waren über 100 Tausend Dollar… Auf Gofundme.com hat er versucht daraufhin Geld von Leuten zu funden. Hier kannst du mehr darüber lesen…

Ich sagte doch: Eine Menge Anekdoten… Und das ist nur ein kurzer Anriss zu den vielen Themen in diesem Kurs.

Fazit

Das Konzept des Kurses lässt sich am Besten mit der Vogelperspektive vergleichen. Prof. Longo zieht mit gehörigem Abstand von einem Thema zum nächsten und möchte lieber die Kerngedanken vermitteln, aber keine Anleitungen zum Nachmachen geben.

Er begibt sich also erst gar nicht in das ganze Kennzahlgeplänkel, sondern stellt die vielen Investmentstile auf eine unterhaltsame, abwechslungsreiche und interessante Art und Weise dar. Er sagt nicht unbedingt, was die einzelnen Investmentstile auszeichnet, sondern zeigt das anhand zahlreicher Geschichten aus den Leben der besprochenen Star-Investoren.

Das Hörbuch ist also kein Nachschlagewerk. Es dient der Unterhaltung und zeigt auf eine lockerer Art und Weise, was die großen Investoren ausgezeichnet hat.

Prof. Longo stellt so viele Investoren vor, schafft es aber leider nicht, dem Werk den letzten Schliff zu verpassen. Man lernt so viel, ist irgendwie aber doch nicht fertig.

Was hätte er besser machen können? Klarere Strategien! Statt nur grob auf die einzelnen Strategien einzugehen, hätte er tiefer bohren können. Was schaut sich ein Peter Lynch bei einem Unternehmen wirklich an? Welche Kennzahlen interessieren T. Rowe Price und nach welchen festen Kriterien investiert ein John Templeton?

Das ist natürlich Kritik auf sehr hohem Niveau, das gebe ich zu. Aber diese Punkte hätten das sicher sehr informationsreiche Werk abgerundet. Das soll aber nicht heißen, dass man kaum was aus dem Kurs lernt. Ich hätte mir trotzdem etwas mehr Tiefe gewünscht. Wahrscheinlich wäre der Kurs dann aber wirklich viel zu umfangreich geworden.

 

Hast du Ideen für zukünftige Reviews? Kannst du mir ein Buch oder Hörbuch empfehlen?

 


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