Ein gutes Investmentmodell aus dem Nichts zu schaffen ist ein Ding der Unmöglichkeit und auch nicht notwendig. Die großen Investoren haben in den letzten Jahrzehnten gezeigt, wie man gut investieren kann und auch sie haben sich inspirieren lassen.

Warren Buffett schaute von Benjamin Graham und Phil Fisher ab. Martin Zweig schaute von Jesse Livermore und Edwin Lefèvre ab. Und David Dreman wurde von Michael Lewis und Charles MacKay beeinflusst.

Sie haben alle von Ihren Idolen gelernt.

Eins hat die Investment-Geschichte gezeigt und das lässt sich wunderbar mit dem folgenden Zitat Isaac Newtons ausdrücken:

„Wenn ich weiter gesehen habe als andere, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.“

Ich habe in meinem letzten Beitrag bereits beschrieben, dass jeder gute Investor ein Investmentmodell benötigt. Und auch du kannst ein solches Investmentmodell haben.

Die Börsenstars

In seinem Buch „Börsenstars“ möchte auch Ulrich W. Hanke die unterschiedlichen Strategien der genannten Investoren durchleuchten. Und er bespricht eine Menge Investoren: Benjamin Graham, Warren Buffet, Michael O’Higgins, Joel Greenblatt, John Neff, Peter Lynch, Ken Fisher, William O’Neil, James O’Shaughnessy, Martin Zweig, David Dreman und Anthony Gallea sowie die deutschen Investorenen Max Otte, Uwe Lang und Susanne Levermann.

Hanke widmet jedem dieser Investoren ein eigenes Kapitel, in dem er erstmal die Biografie des jeweiligen Investors vorstellt, über dessen Methode spricht, eine kurze Systemkritik ausübt und anschließend die Ergebnisse in Form eines Erfolgsrezepts inklusive den Bewertungskriterien zusammenfasst.

Diese feste Struktur sorgt für Verständlichkeit und Vergleichbarkeit. Man sieht relativ einfach, bei welchen Kriterien sich die Investoren unterscheiden.

Eine solche Übersicht findet sich in keinem anderen deutschen Börsenbuch wieder. Nicht nur für Anfänger, für eigentlich jeden, der sich gerne mit den Kennzahlkriterien der Großmeister beschäftigen möchte, ist dieses Buch ein geeigneter Startschuss.

Tatsächlich schafft es Hanke die scheinbar komplexen Investmentmodelle in einfache Sprache zu verpacken. Er geht mit Tempo durch die einzelnen Modelle, doch er ist nie zu schnell.

Mich hat dieses Buch amüsiert, denn es hat mir wieder einmal verdeutlicht, dass es letztlich um die fundamentalen Dinge geht. Meist sind diese nicht komplex, sondern lassen sich anhand weniger Kennzahlen ausdrücken.

Und am liebsten würde ich sie alle ausprobieren und testen. Welche Kriterien funktionieren gut, welche sind eher unnötig? Gibt es eine Kombination an Kriterien, die gut funktioniert?

Hankes Buch schafft, was sich so viele Lehrbücher vornehmen. Man will das Buch eigentlich zu jeder Zeit weglegen und einfach direkt loslegen.

Misserfolge gehören dazu

Hanke erzählt dabei nicht nur von den großen Erfolgen der Börsenstars, sondern spricht auch über deren Misserfolge. Und davon gab es reichlich viele.

Joel Greenblatts Fond hat von 1995 bis 1998 weniger Renditen gemacht als der S&P500 zugelegt hat. William O’Neils Fond verlor von 1969 bis 1974 ganze 53,6%. Der S&P500 verlor im selben Zeitraum nur 18,8%. Bei Benjamin Grahams Strategie konnten Aktien eine lange Zeit fallen, bevor seine Strategie aufging und es entweder zur Liquidierung kam oder die Kurse doch noch stiegen.

Allen Investoren haben aber die Eigenschaft, dass sie trotz der Misserfolge weiter gemacht haben. Das hat nichts mit Starrsinn oder mit Naivität zu tun. Sie alle wussten, ganz rational, dass die Strategien aufgehen mussten. Denn Sie hatten die Strategien mit dem besten Wissen ihrer Vorgängergenerationen entwickelt. Dennoch haben Sie nicht immer nur Erfolg gehabt.

Dies ist eine der wichtigen Lektionen aus dem Buch. Es reicht nicht einen bestimmten Investmentstil zu kopieren. Es wird Phasen geben, in denen es mal nicht so gut läuft. Wichtig ist es, diese Phasen durchzustehen und seine Investmentidee weiter fortzuführen. Für einige Investmentmodelle benötigt man dabei stärkere Nerven als für so manche andere…

Ein Buch für Einsteiger? Oder für Fortgeschrittene?

Leider sucht man vergeblich nach umfangreichen Erklärungen zu den einzelnen Kennzahlen.
Hanke beschreibt am Anfang zwar, welche Kennzahlen im Buch verwendet werden, allerdings geht seine Beschreibung nicht über ein Vorlesen der Formel einer Kennzahl hinaus. So zum Beispiel hier:

„Das Current Ratio (Liquidität dritten Grades) ist eine weitere gern betrachtete Kennzahl. Es setzt das Umlaufvermögen mit den kurzfristigen Verbindlichkeiten ins Verhältnis und sollte größer 2 oder mindestens 1,2 sein.“

Das Buch hat zwar den Ton eines Einsteigerbuchs, allerdings fehlen gerade für Anfänger ausreichende Erklärungen zu den Kennzahlen. Oder versteht ein Anfänger bei einer kurzen Erklärung zur relativen Stärke von Levy, wozu diese nun da ist:

„Die relative Stärke nach Robert Levy (RSL) ist ein weiterer Indikator. Er misst das Momentum, den Trend einer Aktie.“

Was genau ist das Momentum, was ist ein Trend in Zahlen ausgedrückt. Oder vllt in Beispielen… Aus meiner Sicht hätte mehr Erläuterungen zu den Kennzahlen gut getan.

Okay, ich gebe zu: Vielleicht verlange ich zu viel von diesem Buch, immerhin ist es kein Buch über Kennzahlen und soll auch keine wissenschaftliche Abhandlung. Was ein Trend ist, kann sich ein Anfänger sicher auch vorstellen.

Aber fehlende Erläuterungen erschweren nicht nur an dieser Stelle Anfängern das Verständnis. Es bringt nichts, dass man die Modelle der Investoren einfach anwendet. Man muss sie verstehen.

Woher bekommt man all die Infos?

Außerdem fehlen dem Buch an vielen Stellen die Informationen, woher die Kennzahlen zu bekommen sind. Beim KGV ist das sicherlich kein Problem, aber wie schaut es mit der Zinsstrukturkurve von Uwe Lang aus?

Ich war daher irritiert, ob es sich nun um ein Buch für Fortgeschrittene handelt (dazu fehlt es einfach an Erläuterungen und Tiefe) oder doch für Einsteiger (dafür fehlt es an Erläuterungen).

Tatsächlich habe ich mir am Anfang des Buchs sogar kurzzeitig die Frage gestellt, ob der Autor die Kennzahlen und ihre Relevanz und Bedeutung verstanden hat.

Im Laufe des Buchs haben sich meine Zweifel aber in Luft aufgelöst.

Hanke versteht eine Menge von den unterschiedlichen Methoden und weiß es diese spielend leicht zu erklären. Das Buch deutet an, wie belesen Hanke im Thema Investment sein muss. Viele der Investmentbücher, die die Börsenstars geschrieben haben, hat Hanke selber gelesen und zum Teil sogar selber getestet.

Hanke macht keinen Hehl daraus, wie angetan er von Trendfolge- und Momentum-Strategien ist.

Einige kleine Aussetzer

Bei einigen Aussagen musste ich beim Lesen dennoch zusammenzucken, so z.B. an folgender Stelle:

„Eine Buy-and-hold-Strategie, also einmal Aktien kaufen und liegen lassen, wie dies bei der Dividendenstrategie der Fall ist und wie es einst Börsenguru André Kostolany empfahl, ist heutzutage ein überholtes Konzept.“

Ich wusste nicht, dass Buy and Hold ausgedient hat, wusstet ihr das? An dieser Stelle passt wohl das Zitat von Phil Fisher:

„Unsere bevorzugte Haltefrist (für Aktien) ist für immer.“

Phil Fisher hätte seine Aktien am liebsten mit ins Grab genommen. Und ich bezweifle, dass diese Methodik in der heutigen Zeit nicht mehr genauso funktioniert. Ich verstehe nicht, warum Hanke eine solche Aussage treffen kann.

Manchmal lässt Hanke seinen Leser auch etwas im Dunkeln tappen, z.B. wenn er beschreibt, dass man nach der Kennzahlenanalyse „alles zum Unternehmen lesen sollte“. Das ist aus meiner Sicht kein brauchbarer Tipp. Ein Anfänger wird damit nicht in der Lage sein zu beurteilen, ob es sich um ein lohnenswertes Investment handelt.

Hank betont gleich zu Anfang die Relevanz von Backtesting (Hat die Strategie in der Vergangenheit funktioniert?) und dass ohne eine solche Untersuchung keine Strategie wirklich glaubhaft sein kann. Trotzdem liefert er keine konsequenten Backtesting-Ergebnisse für die Investmentstrategien, die er vorstellt. Er spricht die vergangene Performance zwar hier und da an, allerdings gibt es im Buch keine vergleichbare Analyse über z.B. das vergangene Jahrzehnt. Das wäre mal wirklich interessant gewesen.

Ich gebe zu, dass es sich hier um Kritik auf hohem Niveau handelt.

Fazit

Trotzdem habe ich das Buch in vollen Zügen genossen und kann es auch weiterempfehlen. Als Zielgruppe würde ich Anfänger und Fortgeschrittene nennen, empfehle Anfängern aber den gelegentlichen Blick in die Sekundarliteratur, um ein besseres Verständnis für die Kennzahlen aufzubauen.

Es gibt kein vergleichbares Buch in Deutschland. Ulrich W. Hanke hat es aus meiner Sicht geschafft, viele unterschiedliche Investmentmodelle in kurzer und knapper Form verständlich zu erklären.

Mit seinem Buch macht Hanke dem Leser ein Angebot: Du hast hier die Auswahl aus den Besten der Besten. Wähle deinen Liebling aus und versuch so zu investieren wie dieser. Dafür liefert er nicht nur die Quellen seiner Recherche, sondern nennt auch alle relevanten Bücher, die von den Investoren selber geschrieben wurden.

Obwohl das Buch sicher einige Schwächen hat, halte ich es daher insgesamt für ein gutes Einsteigerbuch und auch für jeden Fortgeschrittenen geeignet, der mal wieder den Wald sehen will, nicht nur die Bäume.

Leider bleibt das Buch recht oberflächlich, was die einzelnen Strategien angeht. Sollte man ernsthaftes Interesse an einer bestimmten Strategie haben, kommt man wohl nicht um die im Buch ebenfalls genannten Quellen rum.


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